Vom Scheiden

H. Böie

Das schlimmste Weh auf Erden ist

Das Scheiden, ja das Scheiden!

Wer doch ein Kraut dagegen wüßt'!

Wir hatten uns so heiß geküßt,

Und mußten's dennoch leiden.

Ein Morgen kam in gold'ner Pracht,

O blieb es ewig Grau'n der Nacht!

Da klang der Lerche Ruf mit Macht

Zum Scheiden, ja zum Scheiden!

Durch's Land der Reisewagen rollt --

O Leben zu beneiden!

Wohl, Berg' und Thäler schau'n so hold,

Darüber glüht das Sonnengold,

Der Thau blitzt von den Weiden.

O schweigt! Es sitzt mein Lieb darin,

Nach all dem Schein blickt sie nicht hin,

Verstört, gebrochen ist ihr Sinn

Vom Scheiden, ja vom Scheiden!

Mein weinend Lieb, o sei getrost!

Ein Balsam blüht den Leiden.

Wie wild der Herbst den Wald durchtos't

Doch kommt ein Lenz, der licht umros't

Ihn festlich wird bekleiden.

So wird auch uns ein Tag ersteh'n,

Ein wonneglühend Wiederseh'n,

Bergeßen machen und verweh'n

Das Scheiden, ja das Scheiden!