Unter ihrem Fenster

H. Cramer

Da steh' ich bei nächtlicher Weile

auf dunkelem Pfad so allein;

ich seh' in die Fenster, die hellen,

ich sehe der Lampe Schein.

Auch sehe ich Schattengestalten

bewegen sich hin und her:

Du bist es im häuslichen Walten,

du Kind, das ich lieb' so sehr.

Nur Ahnungen, die mich entzücken,

die Ahnungen sind so schön;

o könnte hinauf ich mich schwingen

und könnte durchs Fenster dich seh'n!

Der Lampe Licht ich beneide,

sein Leben gehöret ja dein!

Durch deinen Hauch wird er sterben,

du gabst dem Flämmchen das Sein!

Ach Flämmchen, wie bist du so glücklich,

du küssest mit hellem Schein

den rosigen Mund und die Wangen,

so zart und so lieblich und fein.

O könnt' ich mein Leben vertauschen

und das Flämmchen der Lampe sein,

da könnt' in den Himmel ich schauen,

in dein schönes Aug' hinein.

Und in dem Auge, da spiegelt

sich Herz und Seele so rein.

Dann könnt' ich seh'n, ob der Seele,

ob dem Herzen ich teuer kann sein.