Die Wahrsagerin

H. Dorn

Ich bin ein tief prophetisch Weib,

In schwerer Kunst erfahren,

Ich bin ein tief prophetisch Weib --

Erschreckt nicht vor dem hagern Leib

Und vor den grauen Haaren!

Kommt nur herbei,

Ihr Liebenden! Ich sag' euch frei,

Ob eure Liebe dauernd sei.

Wer so viel Leid, wie ich, erfuhr,

Der kennt die Menschenherzen,

Wer so viel Leid, wie ich, erfuhr,

Entdeckt mit scharfem Blick die Spur

Der leise nahnden Schmerzen.

Kommt nur herbei!

Ihr Liebenden, ich sag' euch frei,

Ob eure Liebe dauernd sei.

Ich schaue dir in's Aug' hinein,

Du schwärmerischer Knabe,

Ich schaue dir in's Aug' hinein --

Gar hell ist's; doch im Sonnenschein

Wiegt sich ein schwarzer Rabe.

Kommt nur herbei,

Ihr Liebenden! Ich sag' euch frei,

Ob eure Liebe dauernd sei.

Die Linien deiner weißen Hand

Schau' ich, du zärtlich Mädchen!

Die Linien deiner weißen Hand

Verflechten sich; doch ach! das Band

Durchzieht ein blutig Fädchen.

Kommt nur herbei,

Ihr Liebenden! Ich sag' euch frei,

Ob eure Liebe dauernd sei.

Auf's Herz will ich den Finger dir,

Du junger Gatte, legen,

Auf's Herz leg' ich den Finger dir --

Die Uhr geht schnell; doch hier, ach hier,

Stockt sie nach sieben Schlägen.

Kommt nur herbei,

Ihr Liebenden! Ich sag' euch frei,

Ob eure Liebe dauernd sei.

Ich wandre schnell von Haus zu Haus

Und deute Traum und Karten,

Ich wandre schnell von Haus zu Haus --

Der Traum entflieht, das Speil ist aus,

Hab' nirgen lang' zu warten.

Kommt nur herbei,

Ihr Liebenden! Ich sag' euch frei,

Daß keine Liebe dauernd sei.