Die Braut an der Myrthe
H. Esser
Sie stund in tiefen Träumen
Und sah die Myrthe an:
Nicht lange wirst Du säumen,
Du lieber, ferner Mann,
Dann schlingst Du durch die Locken
Solch eine Krone mir
Und führst beim Klang der Glocken
Dein eigen mich zu Dir.
Dann lebet wohl, ihr Träume
Der Kindheit, unschuldsvoll,
Ihr heimathlichen Räume,
Dann lebt auf ewig wohl.
Die alten Stimmen schweigen,
Ein neues Sein bricht an,
Und ich bin ganz Dein eigen,
Du lieber, fremder Mann.
Sie stand, sich tiefer neigend
Zum grünen Myrthenbaum,
Der aber wiegte schweigend
Sein Haupt zu ihrem Traum.
Und eine Thräne stürzte
Zur Myrthe niederwärts;
Was diese Thräne würzte,
War's Wonne, war es Schmerz?