Liebe über's Grab

H. Esser

Ob kalt und stumm -- sie leben doch,

Die wir ins stille Grab versenkt,

Solang' Ein Herz auf Erde noch

In Liebe ihrer Treu gedenkt;

Solang' ihr liebes bleiches Bild

Nur Einem Auge noch erscheint,

Solang' in Sehnsucht, ungestillt,

Noch Eine Thräne um sie weint.

Wie aus der Erde finsterm Schacht

Der Lenz die Blumen lockt hervor,

So schwingt sich aus des Grabes Nacht

Der Liebe Fittich kühn empor.

Und jeder Gruß und jedes Wort,

Das der geliebte Mund einst sprach,

Wie Engelstimmen, fort und fort,

Im tiefsten Herzen tönt es nach:

Und weht uns an, so süß, so still,

Gleichwie der Rose Duft im Mai,

Und wenn der Muth uns sinken will,

Die lieben Todten steht uns bei. --

Drum lindre, Liebe, deinen Schmerz!

Die wir ins stille Grab versenkt,

Sie sind nicht todt, solang' ein Herz

In Liebe ihrer treu gedenkt;

Solang' ihr liebes bleiches Bild

Nur Einem Auge noch erscheint,

Solang' in Sehnsucht, ungestillt,

Noch Eine Thräne um sie weint.