Weihegesang zum 19. April 1874

H. Goetz

Geist der Republik, der du vom Nacken

Des Gebirges dich, ein Adler, schwingst,

Ob des Alpenlandes Felsenzacken

Stolz den Hochgesang der Freiheit singst:

Deine Riesenharfe gold'ne Töne

Dringen her in wunderbaren Schöne;

Lauschend stehen wir und schauern

Tief im Mark voll Wonne,

Denn durch Nacht und banges Trauern

Bricht der Wahrheit hehre Lebenssonne!

O, du lehrtest schon die Väter tagen

An dem See, auf mondbeglänzter Flur,

Du umschwebtest sie beim blut'gen Schlagen,

Denn du liebst der Tapfern Seele nur!

Und auch uns hast du in Wetterflammen

Still geweiht; du schmolzest uns zusammen

Zum granit'nen Wall der Treue,

Daß unsterblich bleibe

Und sich seiner Enkel freue

Unser Volk, und ewig Wurzel treibe!

Töne, Weihesang, dem neuen Bunde,

Fliege Siegeslied, durch's weite Land;

Was uns eint im tiefsten Herzensgrunde,

Ist der Bruderliebe festes Band!

Mögen sie den Geist der Wahrheit dämpfen, --

Freie Männer werden ewig kämpfen

Für den Dom der Menschenrechte,

Dessen starke Mauern

Schutz verleihen dem Geschlechte,

Weil sie alle Tempel überdauern!

Schweizerland, du stiller Alpengarten,

Welch' ein großer Morgen blickt er an!

Vaterland, dich bauen, deiner warten

Wollen wir, -- es weiche Nacht und Wahn!

Ha, wie himmelan die Lerchen schmettern,

Ha, wie Bäche frisch zu Thale wettern,

Und des jungen Lichtes Welle

Küßt in Rosenblitzen

Schon des Mönches düst're Zelle,

Und des Finsteraarhorns schaurige Spitzen!