Im stillen Grunde

H. Kaun

Am Rosenstrauch im stillen Grund

Ein Waldbach zog vorüber.

Das Röslein hatt' so roten Mund,

Der Bach er schaut' herüber.

Er blinkt' und winkt' ihm fort und fort,

Das Röslein war so glücklich dort

In seinem stillen Grunde. --

Da schlich der Bach sich leis' heran

Und schwätzt' in süßen Weisen,

Manch lockend Verslein hub er an

Vom Wandern und vom Reisen,

Von neuer Lust an neuem Ort.

"Ach!" seufzt' das Röslein, "könnt' ich fort

Aus diesem stillen Grunde!"

Das Röslein neigt' zum Bach sich vor.

Wollt' immer mehr noch wissen;

Der Bach, er flüstert' ihm ums Ohr,

Vom Flüstern kam's zum Küssen,

Und Blick um Blick, und Wort um Wort,

Bis er geküßt das Liebchen fort

Aus seinem stillen Grunde.

Das Röslein mit dem falschen Bach

Ist in die Welt geschwommen

Und ist zuletzt mit Weh und Ach

Verblichen und verkommen. --

Du armes schönes Röslein du,

So fand dein Herz doch endlich Ruh

In einem stillen Grunde!