Schneidermär

H. Kaun

Ein Schneider zog einst über Land,

Das Ränzchen auf dem Rücken,

Und wo er blaue Blumen fand,

That er sich zierlich bücken.

Ein Schneider zog einst über Land,

Schafgarbe wuchs am Wegesrand

Mit kleinen weißen Blüten.

Da hat er so von ungefähr

Ein schönes Kind getroffen

Und dacht': Wenn das mein Liebchen wär,

Wie wollt' ich nähn und hoffen!

Wie gingen Tag und Nacht dahin,

Und das wär meine Meisterin,

Frau Meisterin, die feine.

Das zwickt ihn da, das zwickt ihn hier,

Das zwickt ihn in den Waden,

Er tanzt und springt, als hätt' er schier

Sich voll von Wein geladen.

Ihm schwoll der Kamm im Jugendmut,

Ja, selbst sein alter Fingerhut

Schien neu verjüngt zu leuchten.

Da ging der Schneider denn heran,

Das Ränzchen auf dem Rücken,

Und sprach die schlanke Dirne an

Und that sich zierlich bücken.

Doch hat er schnell sich fortgemacht,

Als ihn das Mädel ausgelacht

Und ihren Hansel holte. -

Ein Schneider zog einst über Land,

Betrübt mit krummem Rücken,

Und wenn er blaue Blumen fand,

That er sich doch nicht bücken.

Ein Schneider zog einst über Land,

Schafgarbe wuchs am Wegesrand -

O Schneider, armer Schneider!