Der Sänger

Marschner, Heinrich

Zu dem Grab der Lieb und Schmerzen,

zu dem heil'gen Grabe hin,

zog Castolf mit warmem Herzen

mit der Kindheit frommem Sinn.

Durch des Meeres weite Ferne,

durch der Wüste dürren Sand

leuchten freundlich ihm die Sterne

nach dem unbekannten Land.

Und ihn fasst ein tiefes Sehnen,

eine nie geahnte Lust.

Aus den Augen quellen Tränen,

Seufzer aus der jungen Brust.

Leise von den Höhn hernieder,

wo der Silberschatten rauscht,

schwebten zarte Klänge nieder

von dem Sänger nur belauscht.

Hohes Kreuz, du ew'ger Freudenbronnen

flammend standst du in der Sternennacht

und da leuchtet, bar von tausend Sonnen

in verklärter wunderbarer Pracht

aller Himmel blau gewölbte Tiefen

und der Erde lichtumgrünte Flur

und des Lebens niedere Stürme schliefen

und es lebte ein Gedanke nur.

Ein Gedanke jener Zeitenschauer,

wo noch Fried und Ruhe bei uns weilt,

wo noch nicht genaht in ernster Trauer

sich der Schmerz, die Blüte nicht zerteilt

von Verlangen, unerschlossen still

und kindlich noch die Knospe trägt.

Wo von bittern Tränen nicht begossen

harmlos froh das junge Herz noch schlägt.

Da erfasste Begeisterung sein klopfendes Herz,

Wie auf der Winde eilenden Flügel entfloh der Schmerz.

Die Leiden der Erde, der Gram den er jahrelang trug,

sie waren entschwunden mit eilendem Flug.

O seid gegrüßt, ihr heil'gen Morgentöne,

ihr schöner Kindheit Liederklang.

Willkommen mir, du tröstend fromme Träne,

du Waldeslispeln und du Lerchensang.

An deinen Busen will ich wieder sinken,

geliebte ewig heilige Natur.

An deinen Brüsten mir Genesung trinken,

ein harmlos Kind der ländlich stillen Flur.

In deinem Tau will ich gesund mich baden,

ein Kind mit Kindern fröhlich mich erfreun.

Von meinem Herzen sie die Last geladen

der alte Gram, die ew'ge Sehnsuchtspein.

Verstummt im Leben sei fortan das Klagen.

Was ich gefühlt, gelitten und getragen

in zarte Liederweisen will ich' s bringen

Und Ruh damit in andre Herzen singen.

Und er griff in seine Saiten,

sang der Liebe Schmerz und Glück,

wie sie beide sie begleiten,

sang sein eigenes Geschick.

So durchzog er viele Länder,

rastlos ruhend nimmer aus,

bis er unbewußt sich selber,

stand am kleinen Vaterhaus.

Und er legt die Leier nieder,

seines Lebens Trost und Ruh,

auf der Lippe süße Lieder,

schlossen sich die Augen zu.