Frau Leakey

Marschner, Heinrich

Frau Leakey darf nicht schlafen im Grab

bei Nacht -

da treibt es sie stündlich zum Strande hinab -

bei Nacht,

da kennt sie nicht Ruhe, da macht sie nicht Halt,

da irrt sie umher eine Schreckensgestalt -

bei Nacht, bei Nacht, bei Nacht!

Frau Leakey lag einsam, verlassen und schwach,

im Tod,

und als ihr das Mutterherz zerbrach

im Tod,

da rief sie nach ihrem Kinde so laut,

wie nach dem Bräutigam ruft die Braut -

im Tod, im Tod, im Tod!

„So denkst du nicht mehr der Mutter dein -

o weh! -

und lässest sie sterben so still und allein -

o weh! -

So hab' denn dafür den verdienten Lohn,

den Mutterfluch habe, du gottloser Sohn -

o weh, o weh, o weh!“

Und der Sohn hat fünf Schiffe sich aufgebaut -

am Meer -

nach denen er täglich gehet und schaut -

am Meer -

Er vergisst aber sie, die Mutter sein,

er denkt nicht, wie sie so krank und allein -

am Meer, am Meer, am Meer!

Doch als nun gekommen die Mitternacht -

so still -

da hat ein alt Mütterlein auf sich gemacht -

so still -

Das irret wohl auf den fünf Schiffen umher

und seufzet lang' und seufzet schwer -

so still, so still, so still!

Und wie sie so seufzet und wie sie so stöhnt -

o weh! -

da wölkt sich der Himmel, der Sturm erdröhnt -

o weh! -

Die fünf Schiffe treibet ihr Seufzen hinaus,

die fünf Schiffe scheitern in Nacht und Graus -

o weh, o weh, o weh!