Notturno
Marschner, Heinrich
Horch! Durch die nächt'gen Haiden
weht feucht der Frühlingswind;
spät, an des Baches Weiden,
sitzt noch ein bleiches Kind.
Sie hört die Bäume rauschen,
sie muss dem Wasser lauschen,
das ihrem Fuß vorüberrinnt.
Wie Wogenfall,
wie Duft und Schall,
so flüchtig ist das Leben all,
die Menschen und ihr Treiben.
Hier war er dein,
hier warst du sein,
und nunmehr bist du ganz allein
und wirst es ewig bleiben.
Sie sitzt in tiefen Träumen,
trunken von Duft und Schall;
da aus den dunkeln Bäumen
tritt groß des Mondes Ball.
Sie bebt vor jedem Hauche,
da - horch! im Fliederstrauche
schlägt laut die Nachtigall.
Was dein einst war,
unwandelbar
bleibt es getreu dir immerdar,
die Liebe kann nicht enden.
In Blütenduft,
in Frühlingsluft,
in Halmen noch aus stiller Gruft
wird sie dir Grüße senden.
Nun still die Wälder ruhen
in klarer Mondespracht;
es geht in Silberschuhen
an ihr vorbei die Nacht.
Die Weiden und die Rüstern
beginnen leis' zu flüstern,
es rauscht ihr Laub im Winde sacht:
O klage nicht,
o klage nicht,
vertrau're deine Tage nicht,
wer liebt, sei unbeklommen!
Hier war er dein,
hier warst du sein;
bist du allein,
so musst du dich gedulden fein,
bis er mag wiederkommen.