An Lina
H. Nägeli
Dein gedenk' ich, röthet sich der Morgen,
Dein gedenk' ich, flieht der junge Tag,
Und dir folgen all' die bittern Sorgen
Meiner hoffnungslosen Liebe nach!
Dein gedenk' ich, wenn zu bessern Sphären
Mich der Andacht Seraphsschwinge hebt,
Und die unschuldvollste aller Zähren
In dem kummervollen Auge bebt.
Dein gedenk' ich, fleht auf wunden Knieen
Edle Reu' Verzeihung oder Tod;
Und die Wangen, die aus Andacht glühen,
Färbt die Liebe noch ein Mahl so roth.
Dein gedenk' ich, wenn ich weinend bethe:
Daß sich täglich mein Vergehen häuft;
Dein gedenk' ick an der Grabesstätte,
Wo im Staube die Verklärung reist.
Wenn ich noch so mächtig kämpf' und streite
Denk' ich deiner. -- Selbst am Hochaltar,
Selbst an eines frommen Priesters Seite
Stellt sich mir dein himmlisch Bildniß dar.
Blutig steht es hier in diesem Herzen,
Feurig steht es hier in dieser Brust;
Weh' mir, weh! -- die Quelle meiner Schmerzen,
Wohl mir, wohl! -- die Quelle meiner Lust.
Nun so will ich immer dein gedenken,
Immer dein gedenken für und für,
Will dir alles, Ruh' und Leben schenken,
Und dein Bild sey zwischen Gott und mir.
Aber wenn ich dann auch ausgelitten,
Und mein Körper der Vernichtung Raub,
Magst du Ruh' für meinen Geist erbitten,
Und ein kühles Grab für meinen Staub.