Das Lied vom Samenkorn

H. Nägeli

Der Sä'mann streut aus voller Hand

Den Saamen auf das weiche Land,

Und wundersam! was er gesä't,

Das Körnlein wieder aufersteht.

Die Erde nimmt es in den Schooß

Und wickelt es im Stillen los;

Ein zartes Keimchen kommt hervor

Und hebt sein röthlich Haupt empor.

Es steht und frieret, nackt und klein,

Und fleht um Thau und Sonnenschein;

Die Sonne schaut von hoher Bahn

Der Erden Kindlein freudig an.

Bald aber nahet Frost und Sturm,

Und scheu verbirgt sich Mensch und Wurm;

Das Körnlein kann ihm nicht entgehn

Und muß in Wind und Wetter stehn.

Doch schadet ihm kein Leid noch Weh;

Der Himmel deckt mit weißem Schnee

Der Erde nacktes Kindlein zu;

Dann schlummert es in stiller Ruh.

Bald flieht des Winters trübe Nacht;

Die Lerche singt, das Korn erwacht;

Der Lenz heißt Bäum' und Wiesen blühn

Und schmückt das Feld mit frischem Grün.

Voll krauser Ähren, schlank und schön,

Muß nun die Halmensaat erstehn,

Und wie ein grünes, stilles Meer

Wogt sie im Winde hin und her.

Dann schaut vom hohen Himmelszelt

Die Sonne auf das Ährenfeld;

Die Erde ruht im stillen Glanz,

Geschmückt mit goldnem Ährenkranz.

Die Ernte naht, die Sichel klingt,

Die Garbe rauscht; gen Himmel dringt

Der Freude lauter Jubelsang,

Des Herzens stiller Preis und Dank.