Die Einsiedelei
H. Nägeli
Amat nemus et fugit urbes.
Horat.
Es rieselt, klar und wehend,
Ein Quell im Eichenwald;
Da wähl' ich, einsam gehend,
Mir meinen Aufenthalt.
Mir dienet zur Capelle
Ein Gröttchen, duftigfrisch;
Zu meiner Klausnerzelle
Verschlungenes Gebüsch.
Zwar düster ist und trüber
Die nahe Wüsteney;
Allein nur desto lieber
Der stillen Fantasey.
Da ruh' ich oft im dichten,
Beblümten Heidekraut;
Hoch wehn die schwanken Fichten,
Und stöhnen Seufzerlaut.
Wo von Wacholdersträuchen
Den Kieselsteig hinan
Verworrne Ranken schleichen,
Da brech' ich mir die Bahn;
Durch des Gehaues Stumpen,
Wo wilde Erdbeern stehn,
Klimm' ich auf Felsenklumpen,
Das Land umher zu sehn.
Nichts unterbricht das Schweigen
Der Wildniß weit und breit,
Als wenn auf dürren Zweigen
Ein Grünspecht hackt und schreyt,
Ein Rab' auf hoher Spitze
Bemooster Tannen krächzt,
Und in der Felsenritze
Ein Ringeltäubchen ächzt.
Wie sich das Herz erweitert
Im engen, dichten Wald!
Den öden Trübsinn heitert
Der traute Schatten bald.
Kein überleg'ner Späher
Erforscht hier meine Spur;
Hier bin ich frey und näher
Der Einfalt und Natur.
O blieb' ich von den Ketten
Des Weltgewirres frey!
Könnt' ich zu dir mich retten,
Du traute Siedeley!
Froh, daß ich dem Gebrause
Des Menschenschwarms entwich,
Baut' ich hier eine Klause
Für Liebchen und für mich.