Die Sonne

H. Nägeli

Hebet eure Augen auf

Zu des Himmels lichten Hallen,

Seht, der Morgen kommt herauf,

Seine Jubellieder schallen

Aus dem Hain, im Aehrenfeld,

Von der Schöne dieser Welt.

Hebet eure Augen auf,

Seht, sie kommt im Lichtgewande

Aus dem Morgenthor herauf;

Alle segenvolle Lande,

Froh im seligen Genuß,

Fühlen ihren Morgengruß.

Licht' und heiter lacht das Thal,

Wo dein Aug', o Sonne, glänzet,

Wo dein milder Lebensstrahl

Aller Bäume Wipfel kränzet;

Überall erschafft dein Blick

Lebenskraft und Lebensglück.

Ach! und dieser Schöpferblick --

Soll er nicht durch Ewigkeiten

Lebenskraft und Lebensglück,

Jubel um sich her verbreiten

Aus dem Meere deines Lichts?

Gehst du einst zurück in Nichts? --

Fallen sollst du in den Staub,

Dem du Farb'und Licht gegeben?

Schwinden wird des Waldes Laub?

Und versiegen soll dein Leben,

Und verlöschen soll dein Licht,

Wenn Gott einst dein Urtheil spricht?

Fahre dann als Held einher,

Weil noch Feuer, weil noch Leben

Dir aus deinem vollen Meer

Zu vergeuden ward gegeben;

Wirke, bis wie schwindend Laub

Deine Kraft zerfällt in Staub.

Doch -- sey auch des Wechsels Raub,

Sey's, Vernichtung trifft dich nimmer;

Er gebeut einst deinem Staub,

Sammlet deine großen Trümmer,

Gibt verneute Stralen dir,

Und -- verklärte Sinnen mir.