Einladung zum Tanz

H. Nägeli

Schmeichelnde Flöten laden uns ein,

Freunde, zu treten treulich in Reih'n.

Auf! wählt aus dem blühenden Kranze

Der Mädchen ein freundliches Kind,

Und schwebet im brittischen Tanze

Leicht über den Saal, wie der Wind!

Dort jene Herren loben uns nicht,

Sondern verzerren baß ihr Gesicht.

Sie kritteln und keifen ganz leise:

"Die Jugend erhitzt sich das Blut,

Und handelt dann nicht mehr so weise,

Wie, Gott sei Dank! Unsereins thut."

Tanzen wir weiter! Feuriges Blut

Machet uns heiter, machet uns gut.

O über die ehrsamen Leute,

So kalt wie der Eiszapf am Dach'!

Ich wette, sie stühnden, im Streite

Mit Güte des Herzens, uns nach!

Weicher geschmolzen, haß' nicht an jetzt

Niemand, der Bolzen wieder mich schnitzt.

Heut' gäb' ich dem flehenden Armen

Mit Freude mein letztes Stück Geld,

Und müßt' ich selbst morgen Erbarmen

Mir suchen umher in der Welt.

Murren und Klaffen über Geschick

Kann nicht verschaffen besseres Glück:

Doch wer sich, umfangend sein Mädchen

Beim Freudentanz, sorgenlos denkt,

Hat listig das neidische Rädchen

Des Glücks sich zum Vortheil gelenkt.

Seht, meine Freunde, Tanzen macht so

Mild gegen Feinde, bieder und froh:

Drum wählt aus dem blühenden Kranze

Der Mädchen ein freundliches Kind,

Und schwebet im brittischen Tanze

Leicht über den Saal, wie der Wind!