Entsagung
H. Nägeli
Laß die Menschen stumm und fern
Wandeln ihren Gang;
Nimmer blinkt ein heiterer Stern
Deine Straß' entlang.
Hast so lang umsonst geliebt
Manches kalte Herz!
Ach, was allen Freude gibt,
Trug dir herben Schmerz.
Hoffe denn auf Frieden nicht
In der trüben Welt,
Die nur ferner Ahnung Licht
Tröstend noch erhellt.
Sey gelassen; denn auch du
Wirst im kühlen Grund,
Wo dich Schlummer faßt und Ruh',
Armer, erst gesund.
O, wo sind die Tage hin,
Welche Hoffnungsglanz
Mild belebte deinen Sinn
In der Jugend Glanz!
Lange hat die Wirklichkeit
Abwärts schon gescheucht,
Daß mit dumpfem Tritt die Zeit
Dir vorüber schleicht.
Nicht, o Armer, dir allein
Gilt dieß Klagelied.
Viele schließt der Nebel ein,
Der auch dich umzieht:
Jeden, der die Welt betrat,
Warm und froh, wie ich,
Und umsonst um Liebe bath,
Hart getäuscht wie ich.
Ja, Euch gilt der Klageton
Dieser bangen Brust!
Euch ja ist wie mir entflohn
Die geträumte Lust!
Aber freundlich schließt Gesang
Meine Wunde zu;
Bring' auch Euch der milde Klang
Trost und Herzensruh'.
Kennt Ihr wohl den Genius,
Der die Fackel senkt,
Und mit ernstem Weihekuß
Euch den Frieden schenkt?
End' in Krankheit oder Schlacht
Er des Müden Lauf:
Jeden, der zu lange wacht,
Sucht er liebend auf.