Freiheit

H. Nägeli

Freiheit, die ich meine,

Die mein Herz erfüllt,

Komm mit deinem Scheine,

Süßes Engelsbild!

Magst du nie dich zeigen

Der bedrängten Welt?

Führest deinen Reigen

Nur am Sternenzelt?

Auch bei grünen Bäumen

In dem lust'gen Wald,

Unter Blütenträumen

Ist dein Aufenthalt.

Ach, das ist ein Leben,

Wenn es weht und klingt,

Wenn dein stilles Weben

Wonnig uns durchdringt.

Wenn die Blätter rauschen,

Süßen Freundesgruß,

Wenn wir Blicke tauschen,

Liebeswort und Kuß.

Aber nimmer weiter

Nimmt das Herz den Lauf.

Auf der Himmelsleiter

Steigt die Sehnsucht auf.

Aus den stillen Kreisen

Kommt mein Hirtenkind;

Will der Welt beweisen,

Was es denkt und minnt.

Blüht ihm doch ein Garten,

Reift ihm doch ein Feld

Auch in jener harten

Steinerbauten Welt.

Wo sich Gottes Flamme

In ein Herz gesenkt,

Das am alten Stamme

Treu und liebend hängt,

Wo sich Männer finden,

Die für Ehr und Recht

Mutig sich verbinden,

Weilt ein frei Geschlecht.

Hinter dunkeln Wällen

Hinter ehrnem Thor

Kann das Herz noch schwellen

Zu dem Licht empor,

Für die Kirchenhallen,

Für die Väter Gruft,

Für die Liebsten fallen,

Wenn die Freiheit ruft.

Das ist rechtes Glühen

Frisch und rosenroth:

Heldenwangen blühen

Schöner auf im Tod.

Wolltest auf uns lenken

Gottes Lieb' und Lust,

Wolltest gern dich senken

In die deutsche Brust.

Freiheit, holdes Wesen,

Gläubig kühn und zart,

Hast ja lang erlesen,

Dir die deutsche Art.