Frühlingslied

H. Nägeli

Sieh! Mit duftendem Gefieder

Steigt der Lenz zu uns hernieder;

Freuden flattern um ihn her;

Leise, laue Lüfte wehen;

Hier im Thal, und dort auf Höhen,

Nirgend herrscht der Winter mehr.

Blumen, Gras und Kräuter keimen;

Leben knospet auf den Bäumen;

Mücken tanzen in der Luft.

Von den neubegrünten Hügeln

Wallt, auf Zephyrs bunten Flügeln,

Hyacinth- und Veilchenduft.

Sieh, aus ihrem grünen Beete

Schwingt, im Glanz der Morgenröthe,

Sich der frühe Lerch' empor;

Trillert ihre Zauberlieder

Aus der blauen Luft hernieder,

Und erweckt der Vögel Chor.

Schnell wird's lauter in den Büschen;

Alle Hainbewohner mischen

In der Lerche Lied sich ein.

Amseln flöten, Finken schlagen,

Schwalben zwitschern, Täubchen klagen

Im vertrauten Eichenhain.

Jeder Vogel sucht ein Ästchen,

Wählt sich einen Platz zum Nestchen,

Flattert her, und flattert hin,

Sammelt Würzelchen und Reischen,

Baut sich draus ein kleines Häuschen,

Setzt sich drein, und liebelt drinn.

Alles, alles glüht von Liebe;

Alles fröhnt den süssen Triebe,

Den der Lenz vom Himmel bringt.

In den Hainen, auf den Triften,

In den Wassern, in den Lüften

Fühlet alles sich verjüngt.

Von der Liebe Macht durchdrungen,

Wandelt, Arm in Arm geschlungen,

Manches Paar im Mondenschein;

In des Haines Finsternissen

Rauscht's von wonniglichen Küssen,

Und die Quellen lispeln drein.

Und, mit Kr&aaumlnzen in dem Haare,

Nahet hier dem Brautaltare

Sich ein jugendliches Paar.

Seid ihr's, o geliebte Beide?

O des Jubels, o der Freude!

Kniet ihr endlich am Altar?

Nimm, o Freund, die lang Erflehte!

Schöner als die Morgenröthe,

Blühen ihre Wangen dir.

Blau und sittsam, wie Violen,

Lacht ihr Auge; unverhohlen

Öfnet nun dein Herz sich ihr.

Voll von heiligem Entzücken,

Freud' und Andacht in den Blicken,

Kniet am Brautaltar Ihr hin.

O, des Priesters frommer Segen

Wall' Euch jeden Tag entgegen!

Jeder Unmuth müss' Euch fliehn!

Frei von Sturm und trüben Sorgen,

Lach' euch jeder neue Morgen,

Stets an neuen Freuden reich!

Wie der West die Lüfte kühlet,

Und um junge Blumen spielet,

Spiel' ein Freudenschwarm um Euch!

Heiter fliess' Euch Eure Jugend,

Heiter, an der Hand der Tugend,

Fliess' Euch Euer Alter hin!

Tugend nur beseligt immer;

Ihre Freuden welken nimmer,

Können ewig nicht verblühn.