Mitleid

H. Nägeli

Mitleid! Heil dir, du Geweihte!

Weiches Herzens, milder Hand,

Wallst du an des Dulders Seite

Durch der Prüfung rauhes Land;

Taust wie Balsam, milde Zähren,

Hebest das zerknickte Rohr.

Wie zu Gottes Hoch-altären

Blickt die Not zu dir empor.

Deine Hilfe stillt ihr Flehen;

Dein Erbarmen eilt zur That.

Wünsche strebts du, auszuspähen,

Spendest dem, der Mangel hat.

Bindest loser deine Garben

Vor die Ährenleserin;

Spendest Brüdern, welche darben,

Gern mit kindlich frommen Sinn.

Du entführst die junge Waise

Ihrer Mutter Rasengruft;

Jeden Seufzer, noch so leise,

Raubt dein Ohr der Abendluft.

Vögelchen vor deiner Scheuer

Streust du Korn im Winter aus;

Nötigst zu des Herdes Feuer

Pilger in dein wirtlich Haus.

In verarmter Witwen Krüge

Schüttest du der Stärkung Wein,

Prägst des Lächelns heitre Züge

Abgehärmten Wangen ein;

Hebst erlegner Wandrer Bürde

Auf dem tiefbeschneiten Damm,

Und verpflegst in sichrer Hürde

Deines Nachbars irres Lamm.

Du erwärmst in sanfter Rührung

Auch der Selbstsucht starres Eis,

Warnst vor lockender Verführung

Blütenüberstreutem Gleis';

Neigest dich mit leisem Trösten

An der Schwermut dumpfes Ohr;

Hebst entfesselt den Erlösten

Von des Kerkers Stroh empor.

Herzen, die der Harm zerrissen,

Hegst du mit besorgter Treu';

Rückest der Geduld das Kissen

Auf des Schmerzenlagers Streu;

Schonst des Kranken Schlaf auf Socken

Kühlst ihn mit dem Palmenreis;

Trocknest mit ergoßnen Locken

Bangen Todeskampfes Schweiß.

Bleib bei uns, bis einst die Hefe

In dem Thränenkelch versiegt;

Kränze bleicher Trübsal Schläfe,

Die an deinen Schoß sich schmiegt;

Herze sie mit Mutterarmen,

Sei umstürmter Pflänzchen Stab,

Die das ewige Erbarmen

Dir zur Pflege übergab.