Seyn oder Nichtseyn

H. Nägeli

Seyn, oder Nichtseyn! dieses ist die Frage! --

Ist's edler, im Gemüth des Schicksals Wuth

Und giftiges Geschoss zu dulden? oder

Ein ganzes Heer von Qualen zu bekämpfen,

Und kämpfend zu vergehn? -- Vergehen? -- schlafen!

Mehr heißt es nicht! Ein süßer Schlummer ist's,

Der uns von tausend Herzensangst befreit,

Die dieses Fleisches Erbtheil sind! Wie würdig

Des frommen Wunsches ist vergehen, schlafen!

Doch schlafen? nicht auch träumen? -- Ach! hier liegt

Die Knoten! Träume, die im Todesschlaf

Uns schrecken, wenn einst dieses Fleisch verwest,

Sind fruchtbar! diese lehren uns geduldig

Des langen Lebens schweres Joch ertragen.

Wer litte sonst des Glückes Schmach und Gießel?

Der Stolzen Übermuth, die Tyrannei

Der Mächtigen, die Qual verschmähter Liebe?

Den Mißbrauch der Gesetze, jedes Schalks

Verspottung der Verdienste mit Geduld?

Könnt' uns ein bloßer Dolch die Ruhe schenken,

Wo ist der Thor, der unter dieser Bürde

Des Lebens länger seufzete? -- Allein

Die Furcht vor dem, was nach dem Tode folgt,

Das Land, von da kein Reisender zurück

Auf Erden kam; entwaffnen unsern Muth.

Wir leiden lieber hier bewußte Qual,

Eh' wir zu jener Ungewißheit fliehn. --

So macht uns alle das Gewissen feige!

Die Überlegung kränkt mit bleicher Farbe

Das Angesicht des feurigsten Entschlusses.

Dies unterbricht die größte Unternehmung

In ihrem Lauf; und jede wicht'ge That

Erstirbt.