Der Sänger und der Wanderer

H. Proch

Es singt im tiefsten Haine

Ein Sänger manches Lied,

Im frühen Morgenscheine,

Und wenn der Tag entflieht.

Kein Ohr lauscht seinem Liede

Und seiner Saiten Klang;

Doch wird er nimmer müde

Zu Spiel und zu Gesang.

Da zieht auf seinen Reisen

Ein Wandrer durch den Wald,

Der von den süßen Weisen

Des Sängers wiederhallt.

Der Wandrer folgt den Klängen,

Die freundlich ihn umweh'n,

Und sieht an Felsenhängen

Den frommen Harfner steh'n.

„Ach!“ ruft er „süßer Sänger,

Der mir mein Herz erfreut,

Vergrabe dich nicht länger

In Waldes Einsamkeit!

Was kannst du hier erstreben?

Nicht Ruhm, nicht Glanz, noch Gold —

Komm mit hinaus ins Leben,

Und ernte reichen Sold!“

„Ach nein! lass hier mich bleiben“

Versetzt der Liedersohn,

„Mein stilles Tun und Treiben

Begehrt nicht Ruhm und Lohn.

Die Blume blüht und sprießet,

Ob Niemand sie auch sieht;

Auch unbelauscht begrüßet

Den Tag des Vogels Lied.

Mich treibt mein Herz zum Singen,

Mein Lied ist mein Gewinn;

Was kann ich mehr erringen,

Als dass ich selig bin?“