Des Judenmädchens Klage
H. Proch
Neben in der Stube sitzet,
Väterchen bei'm Ampellicht,
Auf die Brust geneigt das bleiche
Schwarzumlockte Angesicht.
Aufgeschlagen vor dem Frommen
liegt der Talmud, d'rinn er las,
D'rüber er nun Ort und Stunde,
D'rüber er sein Kind vergaß.
Lauschend kann ich d'rum ein Veilchen
Wohl nun hinter'm Vorhang steh'n,
Und hinüber nach dem Fenster
In dem Nachbarhause späh'n.
Ach, in jenem engen Stübchen,
D'raus das Licht herüberfällt,
Wohnt der schöne Christenjüngling,
Wohnt mein Leben, meine Welt.
Freundlich grüßt er, wenn des Morgens
Ich hinab in's Gäßchen seh',
Doch es spricht aus seinen Zügen
Heimlich auch zugleich sein Weh!
Denn er fühlt es, daß für immer
Uns der Väter Glaube trennt,
Ob auch ihm und mir im Herzen
Eine gleiche Flamme brennt.
Jüngling, dessen Bild mein Inn'res
Wie ein Kleinod in sich schließt,
Ach, du siehst nicht meine Thräne
Die um dich verborgen fließt.
Mög' Jehova dich beglücken
Durch des schönsten Mädchens Hand,
Durch ein Mädchen, das empfindet
Wie mein Herz für dich empfand.
Muß ich d'rüber gleich verwelken,
Arm an Lieb', an Thränen reich,
Einstens werden wir uns finden,
Wo sich Christ und Jude gleich.