Wie soll eine ehrbar Jungfrau beschaffen sein?
H. Proch
Im Jahr, da man schrieb zwölfhundertundzehn,
sah man viel' Mägdlein ins Kloster geh'n.
D'rum hat Hubertus ein' Regul gestellt
zu Nutz und Frommen der Jungfrau'nwelt.
Zum Ersten soll eine Jungfrau fein
wie die Glocken am Karfreitag sein;
die schlägt man im Jahr nur einmal an:
Soll ein Mädchen nit viel sich hören lahn.
Zum Andern soll eine Jungfrau fein
wie eine Orgel in der Kirchen sein,
die, wenn man sie nur leise berührt,
alsbald ein mächtig Geschrei vollführt.
Zum Dritten soll eine Jungfrau fein
auch ferner wie eine Spitalsuppe sein;
die reizet nit zum sündigen Spiel
und hat darneben der Augen nit viel.
Herr Hubertus hat's nit übel bestellt,
wenn er Frau'n den Karfreitagsratschen gesellt;
wasmaßen die Ratsche nur einmal gedreht,
das ganze Jahr aus dem Ohr nit geht.
Herr Hubertus nahm es gar zu leicht,
wenn er die Jungfern den Orgeln vergleicht;
wasmaßen ein' Orgel, ob laut, ob still,
für jeden ist, der auf ihr spielen will.
Herr Hubertus sorgte still für sich,
wenn er Jungfrau'n den Spitalsuppen verglich;
wasmaßen die Suppen derb und blind
nur für die fastenden Fratres sind.