Wiederfinden
H. Proch
Vor Kurzem hab' ich sie wiedergeseh'n,
ich hab' ihr die Hand gereicht.
Sie war nicht jung mehr, sie war nicht schön;
die Wangen sind abgebleicht.
Die Stirn, auf die einst, wie Rosenglut,
der Hauch meines Kusses geflogen,
der Mund, auf dem meine Lippen geruht,
sind bleich, von Wolken umzogen.
Und ach, die lächelnde Liebesblüt',
das Grübchen auf ihren Wangen,
das hat wohl lange schon ausgeblüht
und ist im Schmerz vergangen.
Ich nahm ihre weiße, bebende Hand.
„Was weinest du?“ hab' ich gefragt;
da hat sie die Augen zu mir gewandt
und weiter mir nichts gesagt.
Die Augen wandte sie zu mir her,
die alten Augen, die lieben,
und von ihrem blau unendlichen Meer
ist nur ein Tropfen geblieben.
Der quoll aus der dunkeln Tief' in die Höh',
die Perle aus ihrem Herzen;
sie glänzte von still verschwieg'nem Weh'
verklärter Liebesschmerzen.
Sie drückte die Hand mir, sie hieß mich geh'n,
sie wandte sich zitternd zur Seiten.
Sie war nicht jung mehr. sie war nicht schön,
und ach, doch so lieb wie vor Zeiten!