Rilke

H. Roedelius

Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen,

der in das Leben aus der Zelle sieht

und der, den Menschen ferner als den Dingen,

nicht wagt zu wägen, was geschieht.

Doch willst du mich vor deinem Angesicht,

aus dem sich dunkel deine Augen heben,

dann halte es für meine Hoffart nicht,

wenn ich dir sage: Keiner lebt sein Leben.61

Zufälle sind die Menschen, Stimmen, Stücke,

Alltage, Ängste, viele kleine Glücke,

verkleidet schon als Kinder, eingemummt,

als Masken mündig, als Gesicht verstummt.

Ich denke oft: Schatzhäuser müssen sein,

wo alle diese vielen Leben liegen

wie Panzer oder Sänften oder Wiegen,

in welche nie ein Wirklicher gestiegen,

und wie Gewänder, welche ganz allein

nicht stehen können und sich sinkend schmiegen

an starke Wände aus gewölbtem Stein.

Und wenn ich abends immer weiterginge

aus meinem Garten, drin ich müde bin, –

ich weiß: Dann führen alle Wege hin

zum Arsenal der ungelebten Dinge.

Dort ist kein Baum, als legte sich das Land,

und wie um ein Gefängnis hängt die Wand

ganz fensterlos in siebenfachem Ringe.

Und ihre Tore mit den Eisenspangen,

die denen wehren, welche hinverlangen,

und ihre Gitter sind von Menschenhand.