Nachtigall und Rose

H. Schläger

Sang mit wundersüßem Schall

Also einst die Nachtigall:

"Wie so hold und wunderschön,

Rose, bist du angeseh'n!

Blühend, glühend,

Düfte sprühend.

Weh! ich muß des Busens Drang

Strömen aus in flücht'gem Klang,

Der mit Sangesallgewalt

Wonnig sich in Lüften wiegt,

Aber bald

Leis verhallt

Und verfliegt.

Ach! was flüchtig stets verschallt,

Könnt' ich's fassen in Gestalt!

Dann entschwänden nicht im Nu

Klänge, die der Brust entsprangen;

Würden prangen

Schön, wie du,

Blühend, glühend,

Düfte sprühend.

Eine Ros' an Liedes Statt,

Jeder Ton ein Rosenblatt!

Rose, darum lieb' ich dich

Inniglich!"

Rose gab mit duft'gem Wehn

Leise flüsternd zu verstehn:

"Ach! wie singst du, Nachtigall,

Mit so wunderholdem Schall!

Innig, minnig,

Süß und sinnig.

Was das Herz mir schwellt mit Macht,

Was mich hold erglühen macht,

Lebt im Duft mit Allgewalt,

Der in Lüften wonnig weht,

Aber bald

Leis entwallt

Und vergeht.

Ach! was ohne Klang entwallt,

Unerkannt, vergessen bald,

Was mit Macht die Brust durchzieht --

Könnt' ich's laut und freudig singen,

Würd' es klingen,

Wie dein Lied,

Innig, mining,

Süß und sinnig.

Dügte -- Nachtigallgesang,

Jeder Athemzug ein Klang!

Nachtigall, ich liebe dich

Inniglich!"