In einer Sammlung ägyptischer Bildwerke

H. Schmidt

Aus den Edelsteinaugen

Blicket ihr still und ewig

Über uns späte Brüder hinweg.

Liebe scheint noch Verlangen

Euren schimmernd glatten Zügen bekannt.

Königlich und den Gestirnen verschwistert

Seid ihr Unbegreiflichen einst

Zwischen Tempeln geschritten,

Heiligkeit weht wie ein ferner Götterduft

Heut noch um eure Stirnen,

Würde um eure Knie;

Eure Schönheit atmet gelassen,

Ihre Heimat ist Ewigkeit.

Aber wir, eure jüngeren Brüder,

Taumeln gottlos ein irres Leben entlang,

Allen Qualen der Leidenschaft,

Jeder brennenden Sehnsucht

Steht unsre zitternde Seele gierig geöffnet.

Unser Ziel ist der Tod,

Unser Glaube Vergänglichkeit,

Keiner Zeitenferne

Trotzt unser flehendes Bildnis.

Dennoch tragen auch wir

Heimlicher Seelenverwandschaft Merkmal

In die Seele gebrannt,

Ahnen Götter und fühlen vor euch,

Schweigende Bilder der Vorzeit,

Furchtlose Liebe. Denn sehet,

Uns ist kein Wesen verhaßt, auch der Tod nicht,

Leiden und Sterben

Schreckt unsre Seele nicht,

Weil wir tiefer zu lieben gelernt!

Unser Herz ist des Vogels,

Ist des Meeres und Walds, und wir nennen

Sklaven und Elende Brüder,

Nennen mit Liebesnamen noch Tier und Stein.

So auch werden die Bildnisse

Unsres vergänglichen Seins

Nicht im harten Steine uns überdauern;

Lächelnd werden sie schwinden

Und im flüchtigen Sonnenstaub

Jeder Stunde zu neuen Freuden und Qualen

Ungeduldig und ewig auferstehn.