Allerseelen
H. Seligmann
Es flackern im Gotteshage
Am Allerseelentage
Viel hundert Kerzen im Wind.
Ganz abseits an der Mauer
Kniet auf dem Grund in Trauer
Ein bleiche-, abgehärmtes Kind.
Sie hat kein Grab zu pflegen,
Wem gilt ihr Totensegen?
Wem flammt ihr kleines Licht?
Zwei Tränen seh' ich blinken
Und auf den Rasen sinken;
Doch still! Sie schlägt ein Kreuz und spricht:
„Ich trage Leid um Einen,
Dem noch die Sonnen scheinen;
Die Treue war ihm feil.
Er hat die Andre geworben,
Er ist für mich gestorben;
Mir bangt für seiner Seele Heil.
Ihm zünd' ich diese Kerze,
Der mir versehrt das Herze
Und mich versenkt in Leid.
Ihm wolle Gott vergeben
Und ihm nach diesem leben
Verschließen nicht die Seligkeit.“