Die Einsame I

H. Sommer

Wenn morgens das fröhliche Licht bricht ein,

Tret' ich zum offenen Fensterlein,

Draußen gehn lau die Lüft' auf den Auen,

Singen die Lerchen schon hoch im Blauen,

Rauschen am Fenster die Bäume gar munter,

Ziehn die Brüder in den Wald hinunter;

Und bei dem Sange und Hörnerklange

Wird mir immer so bange, bange.

Wüßt' ich nur immer, wo du jetzo bist,

Würd' mir schon wohler auf kurze Frist.

Könntest du mich nur über die Berge sehen

Dein gedenkend im Garten gehen:

Dort rauschen die Brunnen jetzt alle so eigen,

Die Blumen vor Trauer im Wind sich neigen.

Ach! von den Vöglein über die Thale

Sei mir gegrüßt viel tausend Male!

Du sagtest gar oft: Wie süß und rein

Sind deine blauen Äugelein!

Jetzo müssen sie immerfort weinen,

Daß sie nicht finden mehr, was sie meinen;

Wird auch der rote Mund erblassen,

Seit du mich, süßer Buhle, verlassen.

Eh' du wohl denkst, kann das Blatt sich wenden,

Geht alles gar bald zu seinem Ende.