Sonnenuntergang

H. Triest

Sonne, deine letzten Strahlen,

Warum leuchten sie so roth?

Bleiche Wangen pflegt zu malen

Sonst der Allbezwinger Tod!

Aber du, in Purpurfarben

Sinkst du feierlich hinab,

Goldig rothe Feuergarben

Leuchten über deinem Grab.

Schau' die Berge, schau' die Fluten,

Blick' hinauf zum Firmament;

Alles steht in süßen Gluten,

Alles flammt und glüht und brennt!

Selbst der Thau im Kelch der Rose

Glänzt in goldnem Widerschein,

Und das Meer, das grenzenlose,

Taucht sich ganz in Purpur ein!

Bis die Feuersäulen sinken,

Leis und mälig, still und sacht,

Und die braunen Schatten winken,

Sei willkommen, liebe Nacht!

Und aus dunkler Himmelsferne,

Wie zerstreutes Sonnengold,

Leuchten kleine fromme Sterne,

Und sie nicken sanft und hold.

Sinnig Gleichniß unsrer Tage!

Laß, wie letztes Sonnenglüh'n,

An der Hoffnung Sarkophage,

Liebe, deine Fackeln sprühn!

Aber senkt die Nacht der Schmerzen

Sich auf's wache Auge doch,

Glänzen dem verlassnen Herzen

Sterne der Erinnerung noch.