Das erloschene Altarbild

H. Zagwijn

Ihr Sarg stand auf den roten Sandsteinfliesen

Der Grabkapelle – und das Frühjahrslicht

Fiel durch das Maßwerk und die schmalen Sprießen

Des Kirchenfensters auf ihr Angesicht …

Graf Reynalt stand und sah den Lichtschein rinnen

Und maß die Bahn vom Sarg zum Himmelsblau …

Dann legte er ein spinnwebfeines Linnen

Aufs bleiche Antlitz der entschlafnen Frau.

Drei lange Tage sank in vollen Garben

Der Strahl der Sonne in den Totenschrein

Und stach in überirdisch zarten Farben

Das Bild der Toten in das Tuch hinein …

Geheiligt, wie Johannes an dem Grabe

Des Herrn erschauernd stand in Osterfrüh,

So nahm der Graf das Bild als Himmelsgabe

Und sank, in Andacht weinend, auf das Knie.

In einem güldnen Altarschrank geborgen,

Als Heiligtum und Labsal seiner Pein,

Schloß er, nach stiller Messe, jeden Morgen

Sein Wunderbild vor fremden Blicken ein …

Nach Jahren war's – da fiel mit lahmer Schwinge

Ein wilder Schwan vor ihm aufs Rosenbeet –

«Sei mein Geselle, Schwänlein,» sprach er, «bringe

Mit Glück und Segen, eh mein Stamm vergeht …»

Da wuchs sein Glück! Er hob das Haupt im Danke!

Er trug das Sonnenlicht auf Schild und Speer!

Doch ach – in seinem güldnen Altarschranke

War tags darauf das weiße Linnen leer …