Der Morgen

Hans Georg Nägeli

Uns lockt die Morgenröte

In Busch und Wald,

Wo schon des Hirten Flöte

Ins Land erschallt.

Die Lerche steigt und schwirret

Von Lust erregt;

Die Taube lacht und girret,

Die Wachtel schlägt.

Die Hügel und die Weide

Stehn aufgehellt,

Und Fruchtbarkeit und Freude

Beblümt das Feld

Der Schmelz der grünen Flächen

Glänzt voller Pracht,

Und von den klaren Bächen

Entweicht die Nacht.

Der Hügel weiße Bürde,

Der Schafe Zucht,

Drängt sich aus Stall und Hürde

Mit froher Flucht

Seht, wie der Mann der Herde

Den Morgen fühlt,

Und auf der frischen Erde

Den Buhler spielt!

Der Jäger macht schon rege

Und hetzt das Reh

Durch blutbetriefte Wege,

Durch Busch und Klee

Sein Hifthorn gibt das Zeichen;

Man eilt herbei:

Gleich schallt aus allen Sträuchen

Das Jagdgeschrei.

Doch Phyllis Herz erbebet

Bey dieser Lust;

Nur Zärtlichkeit belebet

Die sanfte Brust

Lass uns die Täler suchen,

Geliebtes Kind,

Wo wir von Berg und Buchen

Umschlossen sind!

Erkenne dich im Bilde

Von jener Flur!

Sei stets, wie dies Gefilde,

Schön durch Natur;

Erwünschter als der Morgen,

Hold wie sein Strahl;

So frei von Stolz und Sorgen

Wie dieses Tal!