Der alte Sänger
Hermann Reutter
Deine Harfe schwieg zu lange,
Blinder Alter. Laß sie tönen!
Stimm uns heiter mit Gesange.
Streng ist unsre Zeit.
Sing von deinen goldnen Tagen,
Voll von Spiel und von Behagen,
Die nun weit,
Die du zirptest spröden Schönen,
Liebesklagen,
Die wie Frühlingsträume gleiten,
Die zum Tanze leicht sich schürzen.
"Weh euch, weh, wenn ich sie wecke,
Meine Löwen, meine Saiten,
Stumm im staubigen Verstecke,
Wo sie kaum noch beben, gleißen,
Schwer von starrem Blut!
Weh, wenn sie sich auf euch stürzen,
Sprühend die verhaltne Glut,
Törichte Herzen, und euch zerreißen!"