Jugendgedenken

Hermann Reutter

Ich will spiegeln mich in jenen Tagen,

Die wie Lindewipfelwehn entflohn,

Wo die Silbersaite, angeschlagen,

Klar, doch bebend gab den ersten Ton,

Der mein Leben lang,

Erst heut noch, widerklang,

Ob die Saite längst zerrissen schon;

Wo ich ohne Tugend, ohne Sünde,

Blank wie Schnee vor dieser Sonne lag,

Wo dem Kindesauge noch die Binde

Lind verbarg den blendend hellen Tag:

Du entschwundene Welt

Klingst über Wald und Feld

Hinter mir wie ferner Wachtelschlag.

Wie so fabelhaft ist hingegangen

Jener Zeit bescheidne Frühlingspracht,

Wo, von Mutterliebe noch umfangen,

Schon die Jugendliebe leis erwacht

Wie, von Sonnenschein

Durchspielt, ein Edelstein,

Den ein Glücklicher ans Licht gebracht.

Wenn ich scheidend einst muß überspringen

Jene Kluft, die keine Brücke trägt,

Wird mir nicht ein Lied entgegenklingen,

Das bekannt und ahnend mich erregt?

O die Welt ist weit!

Ob nicht die Jugendzeit

Irgendwo noch an das Herz mir schlägt?

Träumerei! was sollten jene hoffen,

Die nie sahn der Jugend Lieblichkeit,

Die ein unnatürlich Los getroffen,

Frucht zu bringen ohne Blütenzeit!

Ach, was man nicht kennt,

Danach das Herz nicht brennt

Und bleibt kalt dafür in Ewigkeit!

In den Waldeskronen meines Lebens

Atme fort, du kühles Morgenwehn!

Heiter leuchte, Frühstern guten Strebens,

Laß mich treu in deinem Scheine gehn!

Rankend Immergrün

Soll meinen Stab umblühn,

Nur noch einmal will ich rückwärts sehn!