Der Graf und die Nonne

H. von Herzogenberg

Ich stund auf hohem Berge

Und sah in's tiefe Thal,

Ein Schifflein sah ich schwimmen,

Darin drei Grafen war'n.

Der jüngste von den dreien,

Der in dem Schifflein saß,

Gab mir einmal zu trinken

Den Wein aus seinem Glas.

Was zog er von seinem Finger?

Einen Ring von Gold so rot:

"Nimm hin, du Hübsche, du Feine,

Trag ihn nach meinem Tod!"

""Was soll ich mit dem Ringlein thun,

Wenn ich's nicht tragen darf?""

"Ei sag, du habst's gefunden

Draußen im grünen Gras!"

""Ei warum sollt' ich lügen?

Stünd' mir gar übel an;

Viel lieber wollt' ich sagen

Der jung' Graf wär mein Mann.""

Es stund wol an ein Vierteljahr,

Dem Grafen träumt's gar schwer,

Als ob seine Herzallerliebste

In's Kloster gangen wär.

Der Herr sprach zu dem Knechte:

"Sattel unser beider Pferd'!

Wir wollen reiten Berg und Thal,

Der Weg ist reitenswert."

Und als er vor das Kloster kam,

Gar leise klopft er an:

"Wo ist die jüngste Nonne,

Die zuletzt ist kommen an?"

""Es ist ja keine kommen,

Es kommt auch keine heraus.""

"So will ich das Kloster anzünden,

Das schöne Gotteshaus."

Sie kam herausgeschritten,

Schneeweiß war sie bekleid't,

Ihr Haar war abgeschnitten,

Zur Nonn' war sie bereit.

Was hat sie in den Händen?

Von Gold ein Becherlein;

Er hat kaum ausgetrunken,

Springt ihm sein Herz entzwei.

Mit ihren weißen Händen

Grub sie dem Grafen ein Grab,

Aus ihren schwarzbraun Augen

Sie ihm das Weihwaßer gab.

Mit ihren zarten Händen

Zog sie den Glockenstrang,

Mit ihrem roten Munde

Sang sie den Grabgesang.