Der Stern des Lied's

H. von Herzogenberg

Wunderbar in Finsternissen blüht

Der Stern des Gesanges. Ich sah ein Vöglein sitzen,

Ein unscheinbares, im engen Käfig.

Und als ichs näher betrachtete,

Siehe, da schreckten in seinem gefiederten Köpfchen

Mich todte, traurige Höhlen

Statt fröhliche Augensterne.

Geblendet war der Vogel. Schaudernd fuhr ich zurück,

Und Rührung preßte mir

Das Herz zusammen, und unendliches Mitleid.

"O Vöglein," seufzt' ich, "armes, armes Vöglein,

Dir blüht kein Lenz mehr. Nie wieder, auch nur von Ferne,

Siehst du die weite, schöne Welt, und ausgebreitet

Den grünen Wald auf Bergen, und in den Gärten

Die Blumen, und der Ströme Silberbänder,

Fernher winkend. Nie wieder, auch nur durch die Stäbe des Käfigs,

Besucht dich der Glanz des himmlischen Äthers

Und die Maiensonne, spielend um schimmernde Dächer

Und grüne Baumwipfel. Du armes, armes Vöglein,

Verloren ist dir der Lenz und die Luft, wie mir, und so

Verloren wohl auch Leben und Lied!"

So klagt' ich wehmüthig. Da plötzlich, wie wenn der schimmernde Springquell

Aufsteigt in die ruhige Luft, oder Raketen sternartig,

Entgegen dem Abendhimmel: so stieg ein schmetternder Triller

Klangfreudig und langhingezogen

Empor aus der tönenden Kehle des Vögleins.

Ihm aber folgte Gesang, kraftsprudelnd und unerschöpflich,

Und in dem Gesang jauchzte Behaglichkeit

Und Lebenslust, und die ganze, volle Wonne des Frühlings.

Draußen aber hingen die Wolken

Am kalten Himmel, und Spätherbstnebel

Schauten trübe herein durchs trübe Fenster.

In Thränen mußt' ich lächeln. Woher

Hat die Klänge das Vöglein? Woraus

Spinnt es das tonkunstreiche Gewebe des Lieds?

Wie findet's

Lustigen Sang in seiner Blindheit,

Frühlingswonne in trauriger Winterszeit?

Wie springen ihm die goldnen

Bronnen süßen Gesangs, indeß die Genossen, ob auch

Off'nen Auges und froh

Des Ätheranblicks, längst doch alle verstummt sind? --

Im Frühling war's, als eben am buntesten

Vorübergaukelte des Blütenmonds

Triumphzug. Mitjauchzend im Freudenchore sang

Auch unser Vöglein. Da wards geblendet. Auf ewig austilgte

Sein Augenlicht ein grausam Schicksal.

Nun saß es blind im Käfig. Was aber that es?

Noch immer sang das Vöglein, rastlos und schmetternd

Sang es, denn ihm schäumte noch voll

Des Herzens Becher vom Nektartranke

Des Frühlings, und als längst dieser dahin war,

Und verglühet auch der Sommer, und stumm

Die andern Vögel saßen im Käfig,

Da sang noch immer das blinde Vöglein;

Denn unverloren trug es den Lenz

Im Herzen, und die Lenzesluft, unwissend,

Daß längst entfloh'n der gold'ne, und daß nebelumgraut

Des Waldes Wipfel starrten. Ihm blieben in der Seele des Mai's

Blühende Bilder, denn nimmer erblickt es

Des Winters entseelenden Gorgoschild; ausflutet es, unbewußt

Des rauhen Jahrs, den Wonnerausch,

Der nimmer zerrinnt; ausspinnt es

Zu Gesängen die Sonnenmilde, das Himmelsblau,

Alles, was trunken es einsog, was in holden Monden

Es ansammelte den: unerschöpflichen Herzensreichthum.

Das ists, daß reichen Gesang spendet das augenlose

Vöglein die ganze Zeit des Jahres, wenn schon die blickbegabten

Traurig sitzen im Bauer und sanglos. Nicht ist, wie unbedachtes

Mitleid klagen möchte, der Lenz dir geraubt, o blinder Vogel!

Dein ist er, und eben dein, wie keines Andern!

Voll und ganz festhältst du die Pracht, und nicht übers Meer

Brauchst du zu wandern, um aufzusuchen

Die hier entschwund'ne: tief innen blühet

Sie dir, und darum unberühret

Vom Nordsturm. Dir ist winterlicher Flockentanz

Wie Blütenschauer. Besser ists, blind sein und schmetternd sich

Ausleben im Gesang, als sehend und stumm

Hingeh'n durch eine blühende Welt

Voll Schönheit. Arm ist ein blicklos Aug',

Ärmer ein tonlos Herz, in dessen Saiten nicht wiederhallet

Ein Himmlisches. Mitten in den Zerstörungen

Dahingewelkter Pracht steht aufrecht des Gesangs

Blumenkrone, schönerer Tage Denkmal, und zugleich

Ein Irisbogen der Zukunft,

Der farbig blüht in Gewölk.

Mag freudeleer hinziehn ein Erkorener,

Dem hold die Lippe tönet, ihm ist das Höchste

Doch in die Seele gegeben. Schön, ob auch einsam, steht

In Finsternissen der Stern des Lieds und übergießt *There's the title quote

Mit mildesten Blüten des Lichts der Welt Öde. Laß still

Fortleben, o Herz, die schönere Zeit

Im Klängen, ob auch öde die Mitwelt

Ist, denn Schönes muß ewig

Untergeh'n, in Klängen rettet es aber

Süßer Gesang. Hoch über welken Blüten und Trümmern,

Alles Schönen fromm eingedenk,

Ewig jauchze das Lied, jauchze die Dichtung.