Die Weihe der Nacht
H. von Herzogenberg
Nächtliche Stille!
Heilige Fülle,
Wie von göttlichen Segen schwer,
Säuselt aus ewiger Ferne daher.
Was da lebte,
Was aus engem Kreise
Auf in's Weit'ste strebte,
Sanft und leise
Sank es in sich selbst zurück
Und quillt auf in unbewusstem Glück.
Seele, Du wachst noch?
Tastest noch zitternd umher
In der Unendlichkeit?
Findest denn Du allein nicht den Weg,
Der zurück zu Dir selbst Dich führt?
Hast du zu weit Dich verirrt?
Bist Du in die Umarmung der Welt
Eingefroren zu fest?
Löse Dich, löse Dich!
Dass Du die heilige Weihe nicht störst,
Die das Leben ringsum erneut.
Tauche Dich still und lausche nicht mehr
Aus Dir selber heraus,
Bis Du allmählig ganz Dich verlierst
In die innere Nacht.
Wenn Du ruhig Dich dehnend im Schlaf,
Die umschliessende Form zersprengst,
Dir dich sondert vom All,
Dann ergreift es Dich, wie ein Arm,
Und Du fühlst es mit süsser Angst,
Dass es still Dich hinunter zieht
In den Urgrund des Seyns, in Gott.