Am Stadtthor

L. Wolf

Tief, tief unten im Abendrothschein,

Da dunkeln die Wellen,

Da thun die Gesellen

Sich gütlich beim Wein;

Die Lichter erhellen

Ein Bild in der Mauer mit düsterem Schein.

Am Himmel die Wolken hinziehn,

Zur Insel ein Nachen,

Da fragen mit Lachen:

"Ei, Mäd; chen, wohin?"

"Am Stadtthor die Wachen,

Um Gnade bitten auf meinen Knie'n."

"Den Liebsten zu retten, du kommst zu spät,

Sein Haupt ist gefallen";

"So will ich den wallen,

Wo Niemand geht,

Die Letzte von Allen

An der Kirchthür' stehn im stillen Gebet!"

"Und wisse, verhängt hat der hohe Rath:

Als einen Verschwörer

Und Friedensstörer

Erwies ihn die That.

Er war ein Empörer,

Und wer ihm noch anhängt, übt Hochverrath." --

"Zum Gnadenbild will ich," sprach still die Maid,

"Bußfertig wallen,

Zum Kloster Sanct Gallen:

Mein schönes Geschmeid',

Die rothen Korallen,

Verehr' ich dem Herzen zum ewigen Leid."