Der Corregidor
Wolf, Hugo
DON EUGENIO DE ZUNIGA, Corregidor (Tenor-Buffo)
DONNA MERCEDES, Corregidora (Sopran)
JUAN LOPEZ, Alkalde (Tiefer Bass)
TONUELO, Gerichtsbote (Bass)
REPELA, Diener des Corregidors (Bass-Buffo)
TIO LUKAS, Müller (Bariton)
FRASQUITA, Gattin des Müllers (Mezzosopran)
MANUELA, Magd bei Juan Lopez (Mezzosopran)
EIN NACHBAR (Tenor)
EIN NACHTWÄCHTER (Bass)
Bischof und geistliches Gefolge. Gesinde des Corregidors und Alkalden, Alguacils, Musikanten
Schauplatz: Gegend in Andalusien
Zeit: 1804
SYSTEMERSTER AKT
SYSTEMVorspiel
Ein gepflasterter Platz vor der Mühle. Seitlich eine geräumige Weinlaube
Ein Nachbar und Lukas. Lukas ist im Begriffe, mit einem Korb auf die Weinlaube zu steigen
NACHBAREuch gelingt's in allen Stücken,
NACHBARTio Lukas! Selbst die Trauben
NACHBARreifen früher hier bei euch.
NACHBARPflückt ihr heute wirklich schon?
LUKASDer hochwürd'ge Bischof wird
LUKASheute wohl so gnädig sein,
LUKASin der Mühle einzukehren.
etwas näselnd
NACHBARHabt ihr schon einmal berechnet,
NACHBARwas euch diese Gastereien
NACHBARwohl im Jahre kosten mögen?
lachend
LUKASDiese Arbeit überlass ich
LUKASarithmetisch mehr Geübten,
LUKASeuch zum Beispiel, guter Freund.
NACHBARAber glaubt ihr nicht, dass mancher
NACHBARnicht allein der Trauben wegen
NACHBARoder andrer Leckerbissen
NACHBARseine Gegenwart euch schenkt?
NACHBARWäre ich an eurer Stelle,
NACHBARdann bedächte ich genau,
NACHBARdass Frasquita eine schöne,
NACHBAReine wunderschöne Frau.
LUKASNun, dann ist's ein Glück,
LUKASdass euch das Geschick
LUKASnicht an meinen Platz gesetzt.
LUKASLieber Nachbar, guten Tag.
Er steigt hinauf. Nachbar ab
Lukas auf der Weinlaube, Frasquita mit einem Tischtuch, das sie auf den Tisch vor dem Hause breitet; sie singt, wählend sie den Platz fegt und besprengt und die Stühle zurechtstellt
FRASQUITAKommt ein Knabe her des Weges:
FRASQUITA"Lieber Knabe, bleibe stehn!
FRASQUITAMagst den Trunk aus kühlem Brunnen
FRASQUITAan der Mühle nicht verschmähn."
FRASQUITAOder kommt ein Caballero
FRASQUITAangeritten über's Feld:
FRASQUITA"Gastlich ist die Mühle offen,
FRASQUITAKüch und Keller wohlbestellt."
FRASQUITAIst's der Bischof, sind's Prälaten,
FRASQUITAEminenzen mildgesinnt:
FRASQUITA"Darf der Müller euch kredenzen,
FRASQUITAwas bei ihm vom Zapfen rinnt?"
LUKASDenkst du aber nicht, Frasquita,
LUKASlieber sei's den Eminenzen,
LUKASden Prälaten, Caballeros,
LUKASallen Knaben jung und alt,
LUKASwenn die Müllerin Frasquita
LUKASan des Müllers Statt kredenzt?
FRASQUITADu dort oben in der Laube,
FRASQUITAböser Spotter, gib nur acht,
FRASQUITAdass du nicht herabfällst! Sonst -
LUKASUnd was denkst du, sucht der alte
LUKASstattliche Corregidor,
LUKASwenn er schwitzend nach der Mühle
LUKASseinen hochgewölbten Rücken
LUKASwöchentlich so oft herausträgt?
FRASQUITAO der Tausend, Herr Don Lukas,
FRASQUITAwären Sie wohl eifersüchtig?
LUKASEifersüchtig auf den Alten?
LUKASNein, ich freue mich von Herzen seiner Liebe.
FRASQUITAEi, das wäre?
LUKASIn der Sünde liegt die Strafe!
LUKASDenn die Meine, denn Frasquita
LUKASwird von allen Erdenmännern
LUKASewig nur den Einen lieben,
LUKASewig ihm nur angehören.
FRASQUITASeht einmal den eitlen Mann!
FRASQUITAAber wie, wenn ich es lernte,
FRASQUITAeinen Zweiten noch zu lieben?
LUKASO, dann wärst du nicht Frasquita,
LUKASmeine süsse, holdeste Frasquita,
LUKASdie von allen Erdenmännern
LUKASewig nur wird einen lieben.
ihn unterbrechend
FRASQUITAEwig ihm nur angehören?
FRASQUITAJa! Du eitler, guter, treuer
FRASQUITAnärrisch lieber Herzenslukas,
FRASQUITAsteige nur aus deiner Laube
FRASQUITAendlich auf die Erde nieder,
FRASQUITAdass du fühlst, wie Liebe tut.
Lukas steigt von der Laube herunter und eilt auf sie zu. Stürmische Umarmung
der sich inzwischen einmal umgesehen hat
LUKASHo, Frasquita! Mit Repela
LUKASseh' in seinem roten Mantel
LUKASden Corregidor ich nah'n.
FRASQUITASchon so früh? Was mag er wollen?
FRASQUITAWelche Absicht führt ihn her?
LUKASDass wir es genau erfahren,
LUKASwill ich hier im Laub versteckt,
LUKASlauschen eurem Zwiegespräch.
FRASQUITAKöstlicher Gedanke, Lukas!
FRASQUITATrifft der Alte mich allein,
FRASQUITAwird er mir sein runzlig altes,
FRASQUITAgarst'ges Herz beredsam öffnen,
mit affektierter Zärtlichkeit
FRASQUITAwird er sehr gesprächig sein.
Lukas besteigt lachend die Laube. Repela, vorsichtig umherspähend, nähert sich Frasquita
Die Vorigen, Repela
nimmt eine Prise Schnupftabak … es reizt ihn zu niesen, er niest
FRASQUITANun, wo blieb dein Herr, Repela?
mit komischem Pathos
REPELASchreckliche Müllerin, schweige!
REPELASchreckliche Müllerin, zeige mir dein Antlitz nicht.
FRASQUITANärrischer Repela, sprich!
FRASQUITAKommst du ohne deinen Herrn?
REPELA(niest wieder
REPELADass ich ein Mann bin, o wehe!
REPELAUnheil der Männer du, gehe
REPELAmir aus dem Gesicht!
FRASQUITAMöchtest du statt solcher Possen
FRASQUITAendlich mir nicht Rede stehn?
niest
REPELASeh' ich dich, schönste der Frauen,
REPELAfühl' ich von Schauder und Grauen
REPELAbang mich übermannt.
REPELARosige Wangen und Lippen,
REPELAach, wie gefährliche Klippen
REPELAsind sie dem Verstand!
FRASQUITASolche abgeschmackte Weisheit
FRASQUITAhab' ich schon genug gehört.
FRASQUITAOder bringst du sie im Auftrag deines Herrn,
FRASQUITAdann geh und sag ihm, dass er mir willkommen ist.
REPELAWirklich, Müllerin? Erwartest
REPELAdu allein zu dieser Stunde,
REPELAübermütige Frasquita, wirklich den Corregidor?
REPELAUnd der gute Lukas schläft wohl den Schlaf
REPELAvertrauenssel'ger Gatten
REPELAdrinnen in der Kammer
REPELAauf dem weichen Kanapee?
FRASQUITAFrecher Wicht! Und wenn er schliefe?
REPELASput ich mich, es zu vermelden,
REPELAund mein Auftrag ist vollbracht.
ab
zu Lukas
FRASQUITAHörst du wohl? Dein Schlummerstündchen
FRASQUITAwill er sich zu Nutze machen.
LUKASArmer Schelm! Es ist zum Lachen!
Beide lachen, man hört Repela noch aus der Ferne niesen
nimmt die Castagnetten und tanzt lachend den Fandango
FRASQUITALa la la la la la la
Die Vorigen, der Corregidor
beim Eingang einige Zeit zusehend und dann in die Hände klatschend
CORREGIDORReizend! Himmlisch! Wunderbar!
näherkommend
CORREGIDORGott behüte dich, Frasquita!
FRASQUITAO wie freundlich, o wie gütig,
FRASQUITAEuer Gnaden sind schon hier!
FRASQUITANoch im Sonnenbrand begeben
FRASQUITAeuer Gnaden sich zu mir!
FRASQUITANiemand sonst ist noch erschienen,
FRASQUITAleer der Tisch, leer das Gestühl.
FRASQUITAIhr allein - doch lasst euch nieder.
FRASQUITAHier im Schatten ist es kühl.
CORREGIDORStill, Frasquita, nicht so wortreich!
CORREGIDORWeckest sonst den Lukas auf -
CORREGIDORdenn der Gute schläft wohl noch?
indem sie schalkhaft mit ihren Haaren spielt
FRASQUITAIn dem Schatten meiner Locken
FRASQUITAschlief mir mein Geliebter ein.
FRASQUITAWeck ich ihn nun auf? Ach, nein!
FRASQUITASorglich strählt' ich meine krausen
FRASQUITALocken täglich in der Frühe;
FRASQUITAdoch umsonst ist meine Mühe,
FRASQUITAweil die Winde sie zerzausen.
FRASQUITALockenschatten, Windessausen
FRASQUITAschläferten den Liebsten ein.
FRASQUITAWeck ich ihn nun auf? Ach, nein!
FRASQUITAHören muss ich, wie ihn gräme,
FRASQUITAdass er schmachtet schon so lange,
FRASQUITAdass ihm Leben gäb und nähme
FRASQUITAdiese meine braune Wange.
FRASQUITAUnd er nennt mich seine Schlange,
FRASQUITAund doch schlief er bei mir ein!
FRASQUITAWeck ich ihn nun auf? Ach, nein!
CORREGIDORLass ihn schlafen, lass ihn ruhen!
CORREGIDORKomm und setz dich her zu mir.
CORREGIDORViele Dinge, grosse Dinge
CORREGIDORmöcht ich anvertrauen dir.
FRASQUITANun, ich sitze, euer Gnaden!
FRASQUITASprecht! Ich höre zu.
schlagt die Beine übereinander, stützt den Ellbogen auf das Knie und sieht ihn lächelnd an
durch Frasquitas verführerische Haltung verwirrt, starrt sie eine Weile sprachlos an, dann - tief aufatmend und sich den Schweiss von der Stirn wischend - sucht er durch schmachtende Gebärden seinen überschwänglichen Empfindungen Ausdruck zu verleihen
CORREGIDORSüsse Zauberin Frasquita,
CORREGIDORwas in deinen Feuerblicken
CORREGIDORmag den männlich harten Sinn
CORREGIDORdoch so magisch mir bestricken?
CORREGIDORScheu machst du mich, kühn zugleich.
CORREGIDORDrohen möcht' ich, möchte schmähen -
CORREGIDORund doch wag in stillem Glüh'n
CORREGIDORkeinen Wunsch ich zu gestehen.
FRASQUITAUnd was wünschen euer Gnaden?
feurig
CORREGIDORAlles, was du willst, mein Herz!
FRASQUITAWas ich will, ihr wisst es ja:
FRASQUITADie Ernennung meines Neffen
FRASQUITAallsogleich zum Sekretär
FRASQUITAbeim Gerichte zu Estella!
FRASQUITADieses will ich!
CORREGIDORHa, Frasquita!
CORREGIDORGanz Unmögliches verlangst du!
CORREGIDORDenn bedenke die Gefahr,
CORREGIDORWenn der hohe Stadtrat gar -
ihn unterbrechend
FRASQUITAAch, wie haben die Sitten
FRASQUITAsich doch betrüblich verwandelt!
FRASQUITAEinst auf weibliche Bitten
FRASQUITAwie hätt' ein Spanier gehandelt!
FRASQUITAO, Don Eugenio, einst sprachen
FRASQUITARitter nicht von Gefahren,
FRASQUITAkämpften mit Leuen und mit Drachen,
FRASQUITAwenn sie im Wege waren.
FRASQUITAAber vielleicht von den Rittern,
FRASQUITAwerdet ihr sagen, träte
FRASQUITAKeiner ohne zu zittern
FRASQUITAvor die städtischen Räte?
CORREGIDORNun, ich will es überlegen.
CORREGIDORWürdest du um diesen Preis
CORREGIDORschenken deine Liebe mir?
FRASQUITAGanz gewiss nicht, denn ich liebe
FRASQUITAja umsonst euch, gnäd'ger Herr!
CORREGIDORAlso wirst du dann mich lieben?
FRASQUITAJetzt schon, sagt' ich doch soeben,
FRASQUITAjetzt schon lieb ich euch gar sehr!
CORREGIDORAber -
FRASQUITAOhne aber, ehrlich
FRASQUITAist und herzlich meine Liebe!
CORREGIDORAber -
FRASQUITADass ich euer Gnaden
FRASQUITAtreu ergeben, könnt ihr zweifeln?
CORREGIDORAber -
FRASQUITAJeder Zweifel würde
FRASQUITAkränken tief mein armes Herz.
CORREGIDORAber, süsseste Frasquita!
CORREGIDORDeine Liebe ist zu klein
CORREGIDORfür so grosser Schönheit Reiz.
FRASQUITASo gefall' ich euch so sehr?
CORREGIDORKeine zweite Frau der Erde
CORREGIDORist so schön wie du!
CORREGIDORTag und Nacht raubt deiner Schönheit
SYSTEMBild mir Glück und Ruh'.
FRASQUITADoch eure Frau Gemahlin! So hold und engelgleich,
FRASQUITAder Ehefrauen Krone, an Güte überreich!
CORREGIDORAch die Ehe! Gott mag's wissen,
CORREGIDORist ein böses Sakrament.
CORREGIDORAuch die schönste Frau gewöhnt man,
CORREGIDORwenn man sie die Seine nennt!
FRASQUITAVon andern hört ich freilich,
FRASQUITAdass strenge Zucht sie hält,
FRASQUITAmit Argusaugen hütet
FRASQUITAden Mann, der ihr vermählt.
CORREGIDORAch, es haben diese andern
CORREGIDORmanches Wahre dir gesagt;
CORREGIDORsehr von ihren schlimmen Launen
CORREGIDORbin ich armer Mann geplagt.
CORREGIDORHart ist sie und abgewendet
CORREGIDORaller Glut, versteh genau.
CORREGIDORDir will ich es anvertrauen:
CORREGIDORSie ist eine kalte Frau.
CORREGIDORAber wenn dein Blick, Frasquita,
CORREGIDORfeuersprühend auf mir ruht,
CORREGIDORo, da ahn' ich wonnetrunken
CORREGIDOReine tiefe Seelenglut.
CORREGIDORDürft ich einmal dich umfassen,
CORREGIDORkosten dich, verbot'ne Frucht,
CORREGIDORdürft ich diesen Mund berühren,
CORREGIDORden mein Blick begehrlich sucht -
Er beugt sich stark über, um sie zu umarmen. Sie weicht unversehens zurück. Er fällt, das Gleichgewicht verlierend, mit dem Stuhl der Länge nach auf den Boden
lachend
FRASQUITAHerr Corregidor, ich bitte -
aus der Weinlaube hervorkommend
LUKASWas ist los, was ist geschehen?
FRASQUITADieser Scherz kam unerbeten!
LUKASHerr, ihr seid wohl fehlgetreten?
FRASQUITAOder wäre unter euch gar der Stuhl zerbrochen?
zu Lukas
FRASQUITAHöre, fauler Müller!
FRASQUITAHohe Gäste, schlechte Stühle
FRASQUITAtaugen für einander nicht!
LUKASEuer Gnaden haben sich doch nicht verletzt?
der indessen mühsam aufgestanden ist, mit verhaltenem Ingrimm
CORREGIDORNein, ich bin ganz heil geblieben.
zischend, aber leise zu Frasquita
CORREGIDORFrau, das sollst du mir bezahlen!
unbefangen
LUKASNun, dann bin ich euer Gnaden
LUKAShoch verpflichtet für dies Stückchen;
LUKASdenn inmitten meiner Trauben
LUKAShat der Schlaf mich übermannt.
LUKASHätte seiner Gnaden lauter
Fall mich nicht erweckt, gewiss
LUKAShätt ich auf den Fliesen später
LUKASmir gebrochen Arm und Bein.
CORREGIDORAlso du? Nun, das freut mich,
CORREGIDORMüller, freut mich wirklich sehr. -
leise zu Frasquita
CORREGIDORJa, das sollst du mir bezahlen!
den Corregidor abstäubend, bittend
FRASQUITAO Herr, vergebt dem Armen,
FRASQUITAer hat geschlafen wie ein Stock!
zu Lukas
FRASQUITAHerbei, du Siebenschläfer,
FRASQUITAund bürste seiner Gnaden Rock!
während Frasquita ihm ihre Schürze um die Ohren schlägt
CORREGIDORDu Schelm, Du böser Trotzkopf!
schmeichelnd
FRASQUITAUnd euer Gnaden hegen doch länger keinen Groll?
CORREGIDORMein Schatz, es hängt von dir ab,
CORREGIDORob ich verzeihen soll.
Lukas ist indessen mit dem Korb voll Weintrauben herabgestiegen. Frasquita, ihm hinter dem Rücken des Corregidors Kusshände zuwerfend, nimmt zwei Trauben aus dem Korb und stellt sich die Hände mit den Trauben hoch erhoben, lächelnd vor den Corregidor
FRASQUITAUnsres Weinstocks erste Gaben
FRASQUITAseien, Herr, euch zugedacht;
FRASQUITAdenn die Erstlingsfrüchte haben
FRASQUITAeine wundertät'ge Macht.
FRASQUITANehmet sie gleich einem Pfande,
wie's ein Freund von Freunden nimmt,
FRASQUITAdas der Freundschaft zarte Bande
FRASQUITAzu besiegeln ist bestimmt.
Der Corregidor zögert, die Trauben anzunehmen
Die Vorigen, Repela
der schon vorher nähergekommen ist
REPELAMüllerin, deine Trauben
REPELAmute dem Gaste nicht zu,
REPELAdenn es stehet zu glauben:
REPELAsauer sind sie so wie du.
FRASQUITAGrober Schlingel! Weisst du denn,
FRASQUITAOb ich sauer bin, ob süss?
REPELAWachsen die Trauben auf Mauern
REPELAunerreichbar hinan,
REPELAwird sie unter die sauern
REPELArechnen der weise Mann.
REPELAAber deinen Freundschaftstrauben
REPELAkommt ein Schätzer schon des Wegs.
REPELAMüller, Müllerin vor's Tor,
REPELAhohe Gäste zu empfah'n.
FRASQUITANein, im Ernste! Kommt der Bischof?
FRASQUITALukas, komm! Geschwind vor's Tor,
FRASQUITAihn gebührend zu empfah'n.
gleichzeitig
LUKASNein, im Ernste! Kommt der Bischof?
LUKASSchnell, Frasquita! Komm vor's Tor,
LUKASihn gebührend zu empfah'n.
Frasquita mit Lukas ab
REPELAHerr, sofern ihr noch gesonnen,
REPELAungesehn euch aus der Mühle
REPELAzu entfernen, nehmet den Weg hier
REPELAlinks hinaus, doch ohne Säumen.
CORREGIDORNein, ich bleibe! Und bezahlen
CORREGIDORsoll sie mir den Spott, soll teuer
CORREGIDORmeine Leiden mir bezahlen!
schreibt einige Worte in seine Brieftafel und reisst das Blatt heraus
CORREGIDORHöre und versteh, Repela!
CORREGIDORDies hier bringst du dem Alkalden
CORREGIDORJuan Lopez und gebiete
CORREGIDOREile ihm bei meinem Zorn.
CORREGIDORDann nach Hause zur Señora
CORREGIDORgeh und melde, dass ich heute
CORREGIDORdringender Geschäfte wegen
CORREGIDORauf dem Rathaus übernachte.
CORREGIDORDorten um die neunte Stunde
CORREGIDORHarre deines Herrn!
REPELASchwachen Kopf und schwache Beine
REPELAüberbürdet ihr da schwer.
REPELAMöchtet ihr nicht lieber Trauben,
REPELAdie auf dem Spalier der Tugend
REPELAhoch und unersteiglich hangen,
REPELAgleich dem weisen Tier der Fabel,
REPELAunversucht für sauer halten?
CORREGIDORNicht, eh' sie das Spiel bezahlten!
Er weist Repela mit einer gebieterischen Gebärde fort. Repela geht links ab. Im Hintergrunde, wo sich indessen herumziehende Musikanten aufgestellt haben, sieht man den Bischof mit Gefolge, von Lukas und Frasquita begleitet, auftreten. In dem Augenblick, als der Bischof in den Vordergrund tritt und der Corregidor ihm eine tiefe Verbeugung macht, fällt der Vorhang.
SYSTEMZWEITER AKT
CORREGIDORKüche in der Mühle
Im Hintergrund befindet sich die Eingangstür des Hauses; seitlich, einige Stufen höher, die Tür des Schlafzimmers. Im Kamin glimmen noch die Kohlen
Frasquita und Lukas beim Abendbrot
FRASQUITAAber sage mir, mein Lukas:
FRASQUITADass er mich in allem Ernste
FRASQUITAzu gewinnen hoffen sollte -
FRASQUITANein, ich kann es gar nicht fassen!
FRASQUITAMich, Frasquita, deine Gattin!
FRASQUITAdeine, deine!
LUKASUnd warum nicht?
LUKASIst er doch für seine Jahre
LUKASnoch ganz leidlich wohlerhalten;
LUKASund nach ungefährer Schätzung
LUKASwölbt sein Rücken sich nicht höher
LUKASals der meine.
FRASQUITAFehlgeschossen!
FRASQUITADenn bei dir, als einz'ger Makel,
FRASQUITAeine Brücke zu uns andern
FRASQUITAunvollkomm'nen Wesen bildet
FRASQUITAdieser Rücken sanft gewölbt.
FRASQUITADoch bei ihm als letzter Tropfen,
FRASQUITAmacht er überfliessen schon
FRASQUITAschlechter Eigenschaften Mass.
ihr über den Tisch die Hand reichend
LUKASDu Gute!
aufstehend und ihn umarmend
FRASQUITADu Lieber!
FRASQUITALUKAS und FRASQUITA
gleichzeitig
FRASQUITAIn solchen Abendfeierstunden,
FRASQUITAwie fühl ich innig unser Glück!
FRASQUITAFrasquita (mein Lukas), dich hab ich gefunden,
FRASQUITAWelch seliges Geschick!
FRASQUITADer erste Blick an jedem Morgen,
FRASQUITAer sagt mir gleich: sie (er) ist bei mir.
FRASQUITADer letzte nach des Tages Sorgen,
FRASQUITAEr sagt: ich bin bei ihr (dir).
FRASQUITASo fliesst die Zeit an allen Tagen
FRASQUITAvon Lieb zu Liebe selig hin.
FRASQUITAFrasquita, Liebste, (Mein Lukas, Liebster,) lass dir sagen,
FRASQUITAwie ich so glücklich, so selig bin.
es pocht an der Eingangstür
LUKASHorch, was war das?
FRASQUITAJetzt zu dieser Zeit?
aufstehend
FRASQUITASoll ich öffnen?
sie zurückhaltend
LUKASBleib!
geht zur Tür
LUKASWer ist da?
draussen
STIMMEDie Obrigkeit.
LUKASWelche Obrigkeit?
STIMMEDes Ortes.
STIMMEÖffnet ohne Widerstand!
durch ein verstecktes Guckloch spähend
LUKASDass ich nicht dem Trunkenbold
LUKASTonuelo öffnen sollt'!
öffnet
Die Vorigen. Tonuelo, betrunken aber nicht heiter
TONUELOEin geschriebener Befehl -
TONUELOGuten Abend, Tio Lukas.
TONUELOMit Verlaub
setzt sich
TONUELOIch und der Herr Bürgermeister
Schlucken
TONUELODer Herr Bürgermeister -
Schlucken
LUKASLieber Alter, gib nur her;
LUKASdenn ich sehe, einer deiner
LUKASschwermutsvollen, schweren Räusche
LUKAShat dich wieder. Trink noch eins!
TONUELOBruderseele, Ehrenmann!
TONUELOJetzt ist keine Zeit dazu!
TONUELOMusst mir folgen und sogleich!
LUKASIch dir folgen? Wie? Und dir?
LUKASIch -? Frasquita, leuchte mir!
ergreift das Schriftstück
Frasquita, die sich indessen seitwärts mit einem Gegenstande beschäftigt hat, wirft denselben aus der Hand und ergreift das Licht. Lukas erkennt in dem Gegenstande seine Donnerbüchse und nimmt Frasquita zärtlich beim Kinn
LUKASDu goldner Herzensschatz!
FRASQUITALass das Blatt mit dir mich lesen!
Frasquita und Lukas lesen zusammen in dem Schriftstück
TONUELOLieber Müller, sei gescheit,
TONUELObrauchst vor uns nicht zu erschrecken,
TONUELOdenn es pflegt die Obrigkeit
TONUELOnur die Schuld'gen einzustecken.
TONUELOJa, vertraue auf mein Wort,
TONUELOohne Sorge darfst du kommen.
TONUELOWirst als bravster Mann im Ort,
TONUELOwirst als Zeuge nur vernommen.
LUKASGut, so sage dem Alkalden,
LUKASdass ich morgen kommen will.
TONUELOO Beileibe - morgen! Heute,
TONUELOjetzt sofort, gleich auf der Stelle,
TONUELOhat der Herr mir eingeschärft!
FRASQUITANun, dein Herr ist wohl von Sinnen?
FRASQUITABist du selber bei Vernunft?
TONUELOWas Vernunft! Gehört Vernunft sich
TONUELOdenn auch für die Obrigkeit?
TONUELONur befehlen und gehorchen
TONUELOgibt es, darum keinen Streit.
vertraulicher
TONUELOMacht euch nicht so viel daraus!
TONUELOFolgt mir jetzt, wenn ich befehle,
TONUELOdenn es geht um Brot und Stelle,
TONUELOkomm ich ohne euch nach Haus!
LUKASWas ist da zu tun? Verdammt!
FRASQUITASchlimme Dinge ahn' ich da.
LUKASPah, ich geh in Gottes Namen!
FRASQUITAGehst du fort, so geh ich mit!
TONUELOWeibervolk, das fehlte noch!
TONUELODieser geht mit mir, ihr verbleibet hier,
TONUELOalso steht's geschrieben da auf dem Papier.
zu Lukas ungestüm
FRASQUITAAber ich? Was soll ich tun?
LUKASSieh mich an, Frasquita -
fasst sie bei den Händen und sieht ihr in die Augen
LUKASBleib!
senkt unmutig den Kopf, dann fällt sie ihm um den Hals
FRASQUITAAch, mein Lukas, geh! Doch halt!
zieht ihm den Mantel über die Schultern
FRASQUITAHüll dich ein, die Nacht ist kalt.
Lukas und Tonuelo ab
allein
FRASQUITAWache will ich halten, bis der Morgen graut.
geht zum Kamin und macht Feuer an
FRASQUITAFlackerschein, ich blase
FRASQUITAaus der Asche dich heraus.
FRASQUITASprühe, sprühe, liebe Flamme!
FRASQUITALeuchte traulich durch das Haus.
nimmt den Kessel und hängt ihn über das Feuer
FRASQUITABrodeltopf, du alter,
FRASQUITAsollst mir auch Gefährte sein.
FRASQUITASumme, summe, lieber Alter,
FRASQUITAsinge meine Sorgen ein.
setzt sich mit dem Spinnrocken neben den Kamin; dann hält sie inne und lässt den Kopf sinken
FRASQUITAHätt ich ihn doch überredet,
FRASQUITAhier bis morgen zu behalten
FRASQUITAdiesen alten Trunkenbold!
beginnt wieder zu spinnen
FRASQUITASchleichen die bösen Gedanken
FRASQUITAdrohend dir um das Haus,
FRASQUITAschliesse Fenster und Türen,
FRASQUITAblicke nicht spähend hinaus.
FRASQUITAPocht die Bettlerin Hoffnung
FRASQUITAaber schüchtern ans Tor,
FRASQUITAO, da bereite dich gastlich,
FRASQUITAöffne dein Herz und dein Ohr.
starrt vor sich hin und seufzt einige Male auf
FRASQUITAWenn sie schnellen Schrittes gehn,
FRASQUITAhaben sie des Weges Hälfte
FRASQUITAjetzt beinahe hinter sich.
beginnt wieder zu spinnen seufzt tief auf. Dann steht sie auf und wirft unmutig den Spinnrocken fort
FRASQUITAAuf Zamora geht der Feldzug,
FRASQUITAauf die feste Stadt Zamora!
FRASQUITAZahllos ist das Heer der Krieger,
FRASQUITAwohlbedacht des Feldherrn Plan.
FRASQUITAUnterm Himmel jagen Wolken,
FRASQUITAWolken hingepeitscht vom Sturm,
FRASQUITAund im sternenlosen Dunkel
FRASQUITAdumpf und schweigend ruht die Stadt.
FRASQUITADoch am Ufer des Duero
FRASQUITAwaffenklirrend -
von aussen, schreiend
STIMMEHilfe, Hilfe!
STIMMEIch ertrinke! O, Frasquita!
entsetzt
FRASQUITADas ist Lukas! Ja, ich komme!
stürzt zur Tür und öffnet
CORREGIDORGott verzeihe mir! Ich glaubte
CORREGIDORschon mein letztes Stündchen nah!
zurückweichend, mit Entrüstung
FRASQUITAIhr? Ihr? Was soll des sein?
FRASQUITAUm diese Zeit? Was wollt ihr hier?
CORREGIDORStillel Alles sollst du wissen.
CORREGIDORAch, beinah wär ich ertrunken!
CORREGIDORIn den Bach bin ich gefallen.
mit äusserster Heftigkeit
FRASQUITANichts braucht ihr mir zu erklären,
FRASQUITAich versteh euch nur zu gut!
FRASQUITAKümmert's mich, wenn ihr ertrinkt?
FRASQUITAO, welch eine Schändlichkeit!
mit gerungenen Händen herumirrend
FRASQUITADeshalb also, Lukas, deshalb!
FRASQUITAO Lukas, mein Gatte!
FRASQUITASo hab ich mit Prahlen
FRASQUITAgeschaffen dir töricht
FRASQUITAden schlimmsten Rivalen.
FRASQUITAIch lachte und scherzte -
FRASQUITAund du musst das Spiel bezahlen.
der indessen seinen roten Mantel abgelegt, seine Rockschösse ausgewunden und seine Haare geordnet hat
CORREGIDORHör mein Kind!
ungestüm
FRASQUITAIch höre nichts!
FRASQUITAWill von euch auch gar nichts hören!
FRASQUITAFort von hier und sogleich!
FRASQUITASonst mit eignen Händen wieder
FRASQUITAwerfe in den Bach ich euch!
schmeichelnd
CORREGIDORNur um deinen braven Mann,
CORREGIDORden der Bürgermeister fälschlich
CORREGIDOReingezogen, zu befrei'n,
CORREGIDORkam ich her.
sieh die Ohren zuhaltend
FRASQUITAIch will nichts hören!
FRASQUITAGeht und lasst mich hier allein!
CORREGIDORHören willst du nicht, Frasquita?
CORREGIDORO, das kann dein Ernst nicht sein;
CORREGIDORdenn - war's heut nicht in der Laube,
CORREGIDORdass du dort mich angelacht,
CORREGIDORbis ein süsser Liebesglaube
CORREGIDORmir im Herzen ward entfacht;
CORREGIDORbis mich alten Mann gebunden
CORREGIDORdu an dich mit See!' und Leib,
CORREGIDORbis geschlagen tiefe Wunden
CORREGIDORdu! - Und nur Zeitvertreib
CORREGIDORwar dir's? Spass, den du gemacht?
betreten
FRASQUITAUnrecht war's und unbedacht!
CORREGIDORDarum sei gescheit, Frasquita,
CORREGIDORsetz ans Feuer dich zu mir,
CORREGIDORdenn mich friert bis in das Mark.
Frasquita in ihrer abweisenden Stellung verharrend
CORREGIDORWillst nicht? O, ich weiss ein Mittel
CORREGIDORdich zu locken, - sieh nur her!
CORREGIDORDie Ernennung deines Neffen -
CORREGIDORnun, was sagst du?
aufspringend und ihm das Blatt entreissend
FRASQUITAHeil'ger Gott!
FRASQUITADie Ernennung meines Neffen
FRASQUITAhat er wirklich mitgebracht!
FRASQUITAO, was hat dies Ungeheuer,
FRASQUITAdieser Tropf von mir gedacht!
würdevoll
CORREGIDORDu vergisst dich, gute Frau.
CORREGIDORIch bin der Corregidor!
FRASQUITAUnd wenn ihr der König wärt!
FRASQUITASchlechter Heuchler, Frevler, hört:
FRASQUITAIn die Stadt find ich hinein,
FRASQUITAdort zum Bischof will ich - nein,
FRASQUITAwill zu eurer Gattin gehn!
heftig
CORREGIDORNichts von alldem wird geschehnl
CORREGIDORDenn ich werde dich erschiessen,
CORREGIDORwenn du länger widerstehst.
CORREGIDORJa, bei Gott! Das werd ich tun.
zieht eine Taschenpistole
hat indessen rasch die Donnerbüchse hervorgeholt
FRASQUITAHerr Corregidor, nicht übel!
FRASQUITADas Pistol in einer Hand,
FRASQUITAIn der andern die Ernennung -
FRASQUITAEi, das nenn ich doch galant.
die Büchse anlegend
FRASQUITANun, wie denken euer Gnaden:
FRASQUITAEin Duell, wenn's euch gefällt?
erschrocken hinter den Tisch flüchtend
CORREGIDORHalt! Ich hab ja nicht geladen!
CORREGIDORHalt! Um alles in der Welt!
CORREGIDORWas könntest du im Zorn
CORREGIDORfür Unheil nicht verschulden!
CORREGIDORMein Drohn war ja nur Scherz,
CORREGIDORund die Ernennung schenk ich
CORREGIDORdir ganz umsonst, mein Herz.
FRASQUITATragt sie nur wieder hübsch nach Haus;
FRASQUITAfür solche Gaben dank ich sehr.
FRASQUITADoch Zeit ist's, dass ihr euch entfernt,
FRASQUITAdenn länger duld ich euch nicht mehr.
wankt und sinkt mit geschlossenen Augen zu Boden
CORREGIDORAch, die Nässe! Ach, der Schrecken!
CORREGIDORGott, ich sterbe! O, Frasquita!
CORREGIDORRuf Repela, rufe, rufe!
ihn an der Schulter rüttelnd
FRASQUITASolchen Flausen glaub ich nicht.
FRASQUITAHerr im Himmel, das ist Wahrheit!
FRASQUITAWelchen Satan hat der Alte denn Im Leibe!
läuft zur Tür und ruft hinaus
FRASQUITAHöre mich, Repela hör'!
wieder zurückkommend
FRASQUITAUnd ich habe hirnverblendet
FRASQUITAihm selbst aufgemacht!
FRASQUITAWenn er nun hier sterben sollte,
FRASQUITAwie stünd' ich dann vor den Leuten,
FRASQUITAwie vor Lukas schimpflich da!
sprengt dem Corregidor Wasser ins Gesicht
Die Vorigen, Repela
auf den Corregidor zeigend
FRASQUITADa Repela, Spiessgeselle,
FRASQUITAHelfershelfer solcher Strolche,
FRASQUITAtrage deinen Anteil hier.
REPELAStieg die Liebe ihm zu Kopfe?
REPELAIst's ein Herzschlag, der ihn traf?
FRASQUITASchon mit einem Fuss im Grabe,
FRASQUITAmusst' er noch auf Liebe sinnen!
FRASQUITAHilf ihm! In die Stadt zum Arzte
FRASQUITAwill indess' ich eilends gehn.
geht beiseite und bindet ein Tuch über die Schultern
zu sich kommend
CORREGIDORAch, Repe! a! Ach, ich sterbe!
REPELAEi, ihr werdet ja lebendig.
FRASQUITAIch entfliehe diesem Hause.
CORREGIDORIn ein Bette bring mich schnell!
REPELAin das Bette der Frasquita
REPELAkommt ihr also - ist's euch recht?
REPELAgibt doch Gott am liebsten Kuchen
REPELAdem, der nichts mehr essen kann!
CORREGIDORTrockne Wäsche, warme Tücher
CORREGIDORmache mir sogleich zurecht.
CORREGIDORSoll ich jemals noch genesen,
CORREGIDORtüchtig schwitzen muss ich dann.
FRASQUITAZuflucht suche ich bei Lukas,
FRASQUITAsuche dort mein gutes Recht.
FRASQUITASein Gefängnis teil ich gerne,
FRASQUITAwenn ich glücklich hier entrann.
ab
Die Vorigen, ohne Frasquita
CORREGIDOR(sich seines Oberrocks und seiner Weste entledigend
CORREGIDORVor dem Feue breit' indessen
CORREGIDORmeine Kleider aus.
REPELAHerr, verzeiht, setzt euch die Liebe
REPELAdenn so sehr in Schweiss?
CORREGIDORLass die Spässe sein!
CORREGIDORtu, wie ich dich heiss'!
CORREGIDOR! n den Bach bin Ich geial! en,
CORREGIDORausgeglitten auf dem Steg.
CORREGIDORHörtest nicht mein Hilferufen?
dem Corregidor die Schuhe ausziehend
REPELAEine Kriegslist, dacht ich, wärs,
REPELAKriegslist für die Müllerin.
sich nach Frasquita umsehend
CORREGIDORWo versteckte sich Frasquita?
REPELAEinen Arzt zu holen,
REPELAging sie, glaub' ich, in die Stadt.
aufspringend
CORREGIDORHöll' und Teufel! Woher weisst du's?
REPELAHerr, aus ihrem eignen Mund.
CORREGIDOREile, lauf, Repela, fliege!
CORREGIDORNicht zum Arzt - zu meiner Frau
CORREGIDORist sie in die Stadt gegangen.
CORREGIDORGott, mein Gott, ich bin verloren'
CORREGIDORMeine Ehre, meine Würde!
CORREGIDOREile, lauf, Repela, fliege!
CORREGIDORHo! sie ein, komm ihr zuvor!
mit einem prüfenden Blick auf seine Waden
REPELAHerr! Ihr seid ein Kenner. Haben
REPELAdiese Wadenmuskeln Aussicht,
REPELAjene der Frasquita siegreich
REPELAauf der Rennbahn zu bestehn?
ab
während er sich noch beim Feuer wärmt
CORREGIDOR"Herz, verzage nicht geschwind,
CORREGIDORweil die Weiber Weiber sind!
CORREGIDORArgwohn lehre dich sie kennen,
CORREGIDORdie sich lichte Sterne nennen
CORREGIDORund wie Feuerfunken brennen.
CORREGIDORDrum verzage nicht geschwind,
CORREGIDORweil die Weiber Weiber sind.
CORREGIDORLass dir nicht den Sinn verwirren,
CORREGIDORwenn sie süsse Weisen girren,
CORREGIDORmöchten dich mit Listen kirren,
CORREGIDORmachen dich mit Ränken blind,
CORREGIDORweil die Weiber Weiber sind.
CORREGIDORSind einander stets im Bunde,
CORREGIDORfechten tapfer mit dem Munde,
CORREGIDORWünschen, was versagt die Stunde,
CORREGIDORbauen Schlösser in den Wind -
CORREGIDORweil die Weiber Weiber sind.
CORREGIDORUnd so ist ihr Sinn verschroben,
CORREGIDORdass sie, lobst du, was zu loben,
CORREGIDORmit dem Mund dagegen toben,
CORREGIDORob ihr Herz auch Gleiches sinnt,
CORREGIDORweil die Weiber Weiber sind."
nimmt das Licht vom Tisch und geht in das Schlafzimmer
Ein Zimmer im Hause des Alkalden Juan Lopez
Der ALKALDE Juan Lopez, PEDRO, sein Schreiber, die Magd MANUELA
ALKALDEManuela, Manuela, zum Henker!
ALKALDEEs ruft der gnädige Herr!
Manuela kommt
ALKALDEWas stehst und gaffst du an der Tür?
ALKALDESiehst nicht? Die Gläser sind leer!
ALKALDEDu wirst im Dienst des Alkalden
ALKALDEja täglich dümmer als dumm!
ALKALDESchenk ein! Sonst mach ich dir Beine!
ALKALDEIch schlage dich bucklig und krumm.
PEDROSchenk ein, du Blume von Castilien!
PEDROSchenk ein und sei gemütlich!
PEDROSchätzbar allein sind nicht nur Lilien,
PEDROauch braun ist appetitlich.
sich erwehrend
MANUELAJa, schenk ein! Du alter Weinschlauch!
MANUELANicht ein Tropfen blieb im Krug,
MANUELAund den Kellerschlüssel nahm
MANUELAdie Señora mit ins Bett.
ALKALDEZum Henker! Mit ins Bett?
ALKALDEDann geh und hol ihn nur,
ALKALDEsonst - hol ich ihn mir selbst.
macht eine gebieterische Gebärde; Manuela geht verschüchtert ab
PEDROIch und mein holdselig's Weibchen
PEDROtrallalalira, trallala la,
PEDROWir leben wie zärtliche Täubchen,
PEDROtrallalalira, trallala la,
PEDROverbunden in seliger Harmonie,
PEDROwir küssen uns nur, wir prügeln uns nie,
PEDROtrallalalira, trallala la!
ALKALDEHast schon ermittelt, welcher Bär
ALKALDEdem Müller aufzubinden wär?
PEDROAuf einen solchen breiten Rücken
PEDROist leicht ein Bär hinaufzuschicken.
Die Vorigen, Lukas und Tonuelo
sich hinter den Ohren kratzend
ALKALDEGuten Abend, wackrer Müller!
ALKALDEWie geht's euch, und wie Frasquita?
ALKALDEIst sie immer noch so schön?
ALKALDESetzt euch nieder, ruht euch aus,
ALKALDEdenn wir haben keine Eile.
LUKASJa verflucht, wenn ich sie hätte!
es sich bequem machend
LUKASDennoch möcht ich wissen gern,
LUKASwas ihr wünscht, Senor Alkalde,
LUKASda ihr mich um diese Zeit
LUKAShabt von Hause holen lassen.
gleichzeitig
TONUELOJa, er möchte wissen gern,
TONUELOwas ihr wünscht, Señor Alkalde.
TONUELOUnd mir scheint, um diese Zeit
TONUELOist nicht gut mit ihm zu spassen.
Manuela kommt mit dem Weinkrug
ALKALDEPedro, Sekretär, was war es?
ALKALDEHerr, wir haben euch benötigt
ALKALDEin Erfüllung unsrer Pflicht!
ALKALDETrinkt ein Gläschen, Tio Lukas!
ALKALDEDa ihr hier seid, eilt es nicht.
gleichzeitig
PEDROEifer habt ihr brav bestätigt
PEDROin Erfüllung eurer Pflicht!
PEDROTrinkt ein Gläschen, Tio Lukas!
PEDROAlles andere eilet nicht!
beiseite, gleichzeitig
LUKASMeine Ahnung ist bestätigt.
LUKASO, ich kenne eure Pflicht!
LUKASDoch ihr habt den Tio Lukas,
LUKASwerte Herrn, noch lange nicht!
LUKASGut denn, gebet mir ein Glas!
LUKASHerr Alkalde, euer Wohl!
nippt an dem Glas und reicht es dem Alkalden
ALKALDEAuf das eure, werter Freund!
leert das Glas
ALKALDESage deiner Frau Manuela,
ALKALDEdass ein Bett für unsern Gast
ALKALDEin der Kammer -
ihn unterbrechend
LUKASGott bewahre!
LUKASSorget meinetwegen nicht.
LUKASIch schlaf auch hier
LUKASwie ein Murmeltier.
ALKALDENun, wie's euch beliebt.
LUKASSoll ich vorher ein Lied euch lehren,
LUKASwie man's in meiner Heimat singt?
LUKASDa aber heisst es trinken, trinken,
LUKASwie nur ein Navarrese trinkt.
ALKALDELehr uns, wackrer Müller, lehre!
PEDROHeraus mit eurem Lied!
LUKASManuela, flink, schenk ein!
Manuela macht ihm Zeichen, die er nicht beachtet
LUKASUnd befolgt genau die Regel:
LUKASBei dem Worte "spanischer Wein"
LUKASmuss stets ausgetrunken sein!
LUKASALKALDE, PEDRO und TONUELO
wiederholen
LUKASBei dem Worte "spanischer Wein"
LUKASmuss stets ausgetrunken sein!
LUKASIch hab dich zum Beistand erwählt,
LUKASo, du guter, edler spanischer Wein!
LUKASIn jeder Drangsal, die mich gequält,
LUKASo, du guter, edler spanischer. Wein!
LUKASIst die Gesellschaft auch noch so schlecht,
LUKASo, du guter, du edler spanischer Wein!
LUKASDu tröstest mich, du bist ja echt,
LUKASo, du guter, du edler spanischer Wein!
LUKASBist echt und stark, und deine Macht,
LUKASo, du guter, du edler, du süsser spanischer Wein!
Hat oft schon Narren zu Fall gebracht,
LUKASo, du guter, edler, süsser -
ihn unterbrechend
TONUELOSchwerenotl Wieviele Zeilen,
TONUELOTio Lukas, hat das Lied?
LUKASSchwache bringen's nur auf dreizehn,
LUKASstärkere auf fünfundzwanzig!
ALKALDETonuelo, Schwachkopf, schweige!
ALKALDEUnter fünfundzwanzig, Müller,
ALKALDEtuen wir's um keinen Preis.
LUKASDann geb ich mich überwunden!
fürchterlich gähnend
LUKASDarf ich jetzt mich niederlegen?
ALKALDEZugestanden! Legt euch nieder,
ALKALDEüberwundner Navarrese!
ALKALDECanon
ALKALDEDon Rodrigo, Don Rodrigo
ALKALDEgeht um sieben Uhr zur Ruh.
ALKALDEDon Rodrigo, Don Rodrigo
ALKALDEdeckt bis über's Ohr sich zu.
ALKALDEDon Rodrigo, Don Rodrigo
ALKALDEstreckt sich aus und schnarcht im Nu.
ALKALDEDon Rodrigo, Don Rodrigo -
ALKALDEGute Nacht, Schlafmütze Du!
Manuela hat wieder dem Lukas Zeichen gemacht, die dieser verächtlich nicht bemerken will. Alle ab
allein
LUKASSind sie gegangen? Sind sie nun fort?
LUKASHa, die Schurken! Der verdammte,
LUKASangetrunkne alte Schuft!
LUKASNächtlich her mich zu bescheiden,
LUKASum mit Wein mich zu bewirten.
LUKAS0, es kann nichts klarer sein!
LUKASIndes ich ferne bin,
LUKASschleicht sich der Alte ein.
LUKASFrasquita - aber nein!
LUKASDennoch, dennoch!
LUKASGott mag wissen,
LUKASwelche List die Liebestollheit
LUKASdem Corregidor verlieh!
Er lauscht
LUKASAlles ruhig!
schleicht vorsichtig zum Fenster, öffnet es behutsam und sieht hinaus
LUKASBis zum Boden sieben Schuh,
LUKASHerr Alkalde, gute Ruh!
springt hinab; die Bühne bleibt einige Augenblicke leer
sich in der Dunkelheit vorwärtstastend
MANUELATio Lukas, auf ein Wort!
MANUELAWenn ihr mir versprechen wollt,
MANUELAmich in euren Dienst zu nehmen,
MANUELAkönnt' ich wicht'gen Wink euch geben.
MANUELAIn diesem Haus, o begreift,
MANUELAwie bin ich Ärmste gefoltert!
MANUELADie Herrin schmälet und keift,
MANUELAder Herr, er prügelt und poltert.
hat sich indessen der Bank genähert
MANUELATio Lukas, hört ihr mich?
MANUELATio Lukas!
tastet auf die Bank
MANUELAHeil'ger Gott! Tio Lukas!
MANUELAEr ist fort!
läuft zur Tür und ruft hinaus
MANUELAPedro, Tonuelo, Pedro!
MANUELATio Lukas ist entsprungen.
zurückkommend
MANUELAMögen sie's dem Herrn berichten.
MANUELABackenstreiche, Rippenstösse
MANUELAsetzt es wieder ab!
SYSTEMELFTE SZENE
Die Vorige, Pedro und Tonuelo
noch aus der Ferne, weinselig
PEDROWenn dich einer küssen will,
PEDROliebes Schätzchen, bleibe still.
PEDROSchreie nicht durch's ganze Haus
PEDROdein Geheimnis eilig aus.
erscheint auf der Szene
PEDROLiebes Schätzchen, schweige still,
PEDROwenn dich einer küssen will.
PEDROSchreie nicht -
ihn unterbrechend
MANUELADu verliebter Esel, höre:
MANUELATio Lukas, er ist fort!
MANUELAPEDRO und TONUELO
einander erstaunt ansehend
MANUELAEr ist fort?
PEDRODieser Casus ist verdriesslich!
TONUELOHol ihn dieser oder jener,
TONUELOdiesen Casus Tio Lukas!
MANUELAAlso auf, ihr beiden Helden!
MANUELASetzt dem Flüchtling schleunig nach!
MANUELADoch es erst dem Herrn zu melden,
MANUELAgeht hinauf ins Schlafgemach.
PEDRODiese Nachricht soll ich melden?
PEDROGott bewahr mich armen Mann!
PEDRODas ist eine Tat für Helden,
PEDROTonuelo, geh voran!
gleichzeitig
TONUELODiese Nachricht soil ich melden?
TONUELOGott bewahr mich armen Mann!
TONUELODas ist eine Tat für Helden,
TONUELOtapfrer Pedro, geh voran!
gleichzeitig
MANUELAAlso auf, ihr beiden Helden!.
MANUELATonuelo, sei ein Mann!
MANUELADiese Nachricht sollt ihr melden!
MANUELATapfrer Pedro, geh voran!
MANUELAPEDRO und TONUELO
MANUELADiese Nachricht soll ich melden?
MANUELAGott bewahr mich armen Mann!
MANUELADas ist eine Tat für Helden,
MANUELAManuela, geh voran!
gleichzeitig
MANUELAAuf, ihr Helden! Auf, zu melden!
MANUELAGeht voran! Ich folge dann!
des A! kalden, das sich inzwischen eingefunden hat
GESINDEAuf, ihr Helden! Auf, zu melden!
GESINDEGeht voran! Wir folgen dann!
während sie sich gegenseitig vorzuschieben suchen, fällt der Vorhang
SYSTEMDRITTER AKT
Hügelland. Ein Weg im Hintergrund oben und ein Weg im Vordergrund unten, durch einen Pfad verbunden. Nacht; bewölkter Himmel mit manchmal durchbrechendem Mondschein.
kommt den oberen Weg und läuft den Pfad herunter; sieht sich lauschend um
FRASQUITASonderbare Nachtgeräusche
FRASQUITAfolgen mir von Ort zu Ort.
FRASQUITAWie ich mich beständig täusche!
FRASQUITASchritte hör ich fort und fort.
Lukas lauft auf dem oberen Wege vorüber
FRASQUITAOder ist's mein eignes Blut,
FRASQUITAdas mir in den Ohren saust?
Der Mond kommt hervor
FRASQUITANeugier'ger Mond,
FRASQUITAdu hast uns belauscht,
FRASQUITAals wir der Liebe
FRASQUITAGeständnis getauscht.
FRASQUITAErster Bezeigung
FRASQUITAGlühender Neigung
FRASQUITAwarst du ein lieber Vertrauter.
Repela kommt auf dem untern Weg und bleibt in einiger Entfernung stehen
FRASQUITASo hilf mir nun treu,
FRASQUITAverrate mich nicht.
FRASQUITABirg heute in Wolken
FRASQUITAdein strahlendes Licht!
FRASQUITANächtlich sich Schleichenden,
FRASQUITAheimlich Hinstreichenden
FRASQUITAbist du kein lieber Vertrauter.
Die Vorigen, Repela näherkommend
erschrickt, fasst sich aber gleich
FRASQUITAWer ist's? Was wollt ihr?
REPELAKein Wolf, ein zahmes Tier!
FRASQUITAAch du! Was suchst du hier?
nimmt eine Priese, niest
REPELAWenn sich schöne Frauen rüsten,
REPELAnächtlich über Lend zu gehn,
REPELAsollten sie doch die Begleitung
REPELAeines Ritters nicht verschmähn!
FRASQUITAHat dein Herr nach mir geschickt?
FRASQUITAWill er zurück mich holen lassen,
FRASQUITAder Schändliche, der Bösewicht?
REPELADeiner Tugend opferfreud'gen Herold,
REPELAwarum schmähst du ihn?
FRASQUITAOpferfreudig? Ha, ha! Er ist meiner
FRASQUITATugend sittenloser Feind.
REPELAUnerprobt, wär sie denn Tugend?
REPELADer die Prüfung dir bereitet,
REPELAdich zu mut'ger Tat verleitet,
REPELAhöher als der Freunde besten
REPELAschätze einen solchen Feind.
FRASQUITAWillst du spottend mich verhöhnen?
FRASQUITAOder suchst mich auszusöhnen
FRASQUITAmit den Lastern und Gebrechen,
FRASQUITAdie dein Herr in sich vereint?
FRASQUITAAber die Künste der Überredung,
FRASQUITAlieber Repela, lassen mich kalt.
FRASQUITAMich zurück zu bringen
FRASQUITAwird dir nicht gelingen,
FRASQUITAweder mit Güte, noch mit Gewalt!
will davoneilen
geheimnisvoll
REPELASchlecht geraten! Andre Pläne
REPELAführ ich gegen dich im Schild.
umkehrend
FRASQUITASag sie mir, ich bitte dich!
REPELAWenn du schmeichelst, fürcht ich mich.
REPELASei doch wieder stolz und wild.
schmeichlerisch
FRASQUITAHerzens-Repela, was hast du im Sinn?
REPELAUnwiderstehliche Schmeichlerin!
ihn bei der Hand fassend
FRASQUITARepela, du bist ein Schelm.
FRASQUITANicht dart man im Ernste dich fassen.
FRASQUITASo kannst du dir ja im Scherz
FRASQUITAein Wörtchen entschlüpfen lassen.
ihn streichelnd
FRASQUITAWas führest du heimlich im Schild?
FRASQUITAWas ist dein Plan, dein Geheimnis?
REPELAIch fühl es, ich werde schwach
REPELAplauder' ich aus mein Geheimnis?
REPELAEs ist -
FRASQUITAO, sprich!
REPELAEs ist -
FRASQUIZAO, sprich!
REPELAEs ist -
dringend
FRASQUITAO, sprich nur!
REPELAZeitversäumnis!
sich ärgerlich zum Gehen wendend
FRASQUITASo versäume denn deine Zeit allein!
REPELAAlso gehst du doch zum Arzt?
FRASQUITAKümmert's dich, wohin ich geh?
REPELANein, so wenig wie den Schatten,
REPELAder dir folgt, wohin es sei.
FRASQUITANun, dann höre: Zum Alkalden
FRASQUITAgeh ich suchen meinen Mann!
REPELALass das lieber sein und laufe
REPELAnicht vom Regen in die Traufe!
REPELAWeisst du auch, dass der Alka! de
REPELAschönen Frauen seine Dienste
REPELAnicht umsonst zu Füssen legt?
FRASQUITAHa, der sollte mir nur kommen!
FRASQUITAIhr und euer Herr im Bunde
FRASQUITAwolltet alle mich verderben!
FRASQUITAUnd nun liegt zur bösen Stunde
FRASQUITAder Corregidor im Sterben.
FRASQUITAAh, die üppigen Gedanken
FRASQUITAwerden ihm da wohl vergeh'n!
REPELASage nicht nein,
REPELAschicke dich drein! Dort oder hier
REPELAimmer bei dir bleibe ich gern
REPELAnach dem Befehl des Herrn.
REPELASchlüpf in den Busch,
REPELAeilig, husch, husch, über das Feld,
REPELAwie's dir gefällt, ich hinterdrein,
REPELAlasse dich nicht allein!
REPELASähe uns wer von ungefähr,
REPELAhielt er wohl gar uns für ein Paar,
REPELAdas auf der Flucht
REPELAFreuden der Liebe sucht.
REPELADoch diese Frau nimmt es genau!
REPELAEhliche Treu' knüpft sie auf's Neu,
REPELAehe Gefahr noch im Verzuge war....
gleichzeitig
FRASQUITAMuss es denn sein, schick ich mich drelnl
FRASQUITADort oder hier immer mit mir
FRASQUITAnehm ich dich gern
FRASQUITAAuf den Befehl des Herrn.
FRASQUITAKomm durch den Busch,
FRASQUITAeilig, husch, husch, über das Feld,
FRASQUITAschnurriger Held! Geh hinterdrein,
FRASQUITAlasse mich nicht allein!
FRASQUITASähe uns wer von ungefähr,
FRASQUITAhielt er wohl gar uns für ein Paar,
FRASQUITAdas auf der Flucht
FRASQUITARettung vor Feinden sucht.
FRASQUITADoch deiner Frau, Lukas, vertrau!
FRASQUITAStandhaft und treu steht sie dir bei!
FRASQUITADein immerdar, so im Glück wie in Gefahr!
Beide ab
VERWANDLUNGEin Instrumentalsatz leitet zur nächsten Szene über.
Küche in der Mühle wie zu Anfang des zweiten Aktes. Die Kleider des Corregidors hängen noch vor dem Feuer, welches beinahe niedergebrannt ist.
Die Tür steht offen
tritt herein
LUKASNicht geschlossen? Nicht geschlossen!
besieht die Tür
LUKASNur Frasquita konnte öffnen.
LUKASAber wie? Warum? Wozu?
LUKASAuf Befehl? Aus freier Wahl?
lehnt sich fassungslos an den Türpfosten
LUKASWelches Todesschweigen!
LUKASIst sie wohl mit ihm gefloh'n?
LUKASOder hat er sie geraubt?
LUKASOder werd ich - werde beide
LUKASfinden hinter jener Tür?
LUKASJeder Schritt ein Schritt zum Tode!
LUKASLieber möcht ich an der Schwelle
LUKASsterben, eh' Gewissheit, - ha!
erblickt die Kleider des Corregidors, stürzt auf sie hin und untersucht sie
LUKASGrässliche Gewissheit, ja!
LUKASAber nein, es ist nicht wahr!
LUKASMeine Augen sind Betrüger.
LUKASLügner meine Hände!
LUKASWelcher Teufel hat dem Schurken
LUKASMacht gegeben, dieses Weib,
LUKASfreventlich mir zu entreissen!
Das Dokument auf dein Tisch bemerkend
LUKASDie Ernennung ihres Neffen!
sardonisch
LUKASIch verstehe! -------
LUKASHab ich immer doch geargwohnt,
LUKASdass sie ihre Anverwandten
LUKASmehr als ihren Gatten liebt!
LUKASAber Antwort, meine Antwort
LUKASwill ich ihr nicht schuldig bleiben!
ergreift die Donnerbüchse und ladet
LUKASNiemand kann mich sehen - Gott nur,
LUKASGott - und der hat dies gewollt!
schleicht zur Tür des Schlafzimmers, auf der ersten Stufe hält er inne
LUKASWenn es dennoch Täuschung wäre?
LUKASMuss es denn nicht Täuschung sein?
LUKASViele Möglichkeiten gibt es,
LUKAStausend Möglichkeiten gäb es!
schleicht die Stufen hinauf
LUKASWenn es Gott gefallen hätte,
LUKASmich durch schlimmen Schein zu prüfen?
schaut durch das Schlüsselloch und prallt zurück
LUKASSein Gesicht!
LUKASAuf dem Kissen sein Gesicht!
LUKASNein, ich habe mich getäuscht!
LUKASEifersüchtiger Gedanken
LUKASböse Hirngespinste sind's!
sieht noch einmal hin, Mit einer verzweiflungsvollen Gebärde gibt er zu erkennen, dass sein Verdacht sich bewahrheitet. Dann geht er stumm die Stufen herab und verbirgt sein Gesicht in den Händen. Pause
LUKASDa sieh ich betrogen,
LUKASda sieh ich entehrt,
LUKASund doch ist mir Ärmsten
LUKASdie Rache verwehrt.
LUKASIch könnte sie töten.
LUKASDoch wären sie tot,
LUKASso hätten die Leute
LUKASmit mir ihren Spott.
LUKASVerlachten, verhöhnten
LUKASden buckligen Mann,
LUKASder sich vor der Hochzeit
LUKASnicht besser besann.
LUKASLachen würden sie, ja lachen,
LUKASweil ich bucklig war und wagte,
LUKASeine schöne Frau zu haben.
LUKASLachen aber will ich selbst,
LUKASwenn ich meine Rache fand.
LUKASAber welche Rache, welche?
LUKASWenn ich -? Nein, so geht es nicht!
LUKASAber seine Frau? Auch sie
LUKASist ja eine schöne Frau!
LUKASUnd auch ich hab einen Buckel!
lacht auf
LUKASHa, ha!
LUKASJa, das ist sublim! Entzückend!
LUKASDas soll meine Rache sein!
LUKASHa, ha, ha, ha, ha, ha, ha!
beginnt, von Anfallen sarkastischen Gelächters unterbrochen, die Kleider des Corregidors anzuziehen
LUKASSchöne Frau Corregidora!
LUKASHätten Sie das wohl gedacht?
LUKASSchöne Frau Corregidora!
LUKASGuter Rat kommt über Nacht!
besieht sich mit Hohnlachen, ergreift Stock und Handschuhe, stülpt den Dreispitz tief in die Stirn. Mit einer drohenden Gebärde wendet er sich noch einmal der Tür des Schlafzimmers zu und geht langsam ab
im Nachtkleid, eine Zipfelmütze auf dem Kopfe, vorsichtig die Türe öffnend
CORREGIDORWelcher Spuk tobt hier im Haus?
CORREGIDORSässe nicht bei dem Alkalden
CORREGIDORTio Lukas fest, ich schwüre,
CORREGIDORdass desselben rauhe Stimme
CORREGIDORund sein Lachen hier erscholl.
CORREGIDORSind die Kleider erst getrocknet,
CORREGIDORso verlass ich dieses Haus,
CORREGIDOReh' der Morgen graut.
sucht seine Kleider
CORREGIDORWas, zum Henker? Fremdes Zeug?
CORREGIDOROh verdammt! Ward ich bestohlen?
CORREGIDORLiess ein Vagabund die Kleider
CORREGIDORhier zurück? Nun, um so besser!
CORREGIDORUnerkannt komm ich zur Stadt.
Während er sich ankleidet
CORREGIDOREinst haben in toller Verwandlung
CORREGIDORauch Götter um Liebe gebuhlt,
CORREGIDORdoch hol' mich der Teufel, es lohnte
CORREGIDORsich ihnen zuletzt die Geduld.
CORREGIDORDrum hüte dich, Müllerin! Länger
CORREGIDORnicht bin ich dein williger Tor!
CORREGIDOREs wandelt zum Herrn und Gebieter
CORREGIDORzurück sich der Corregidor.
Er hat des Müllers Kleider angezogen und die Felbelmütze aufgesetzt. Das Feuer im Kamin ist erloschen
SECHSTE SZENEDer Vorige. Frasquita, Repela, der Alkalde, Tonuelo
an der Tür, nach rückwärts gewendet
ALKALDEIch als Amtsperson der Erste,
ALKALDETonuelo, du der Zweite!
ALKALDEIhr, Frasquita, wartet draussen!
den Corregidor erblickend
ALKALDEHa, da ist er ja! Im Namen
ALKALDESeiner Majestät! Ergebt Euch,
ALKALDETio Lukas!
Der Corregidor will in das Schlafzimmer zurückflüchten
TONUELOHalt, Verräter!
TONUELOFahren sollst du nun zur Hölle!
Er versetzt dem Corregidor einen Stoss ins Rückgrat und wirft ihn auf die Erde
gleichzeitig, sich auf Tonuelo stürzend und ihn ohrfeigend
FRASQUITAHund, lass meinen Lukas los!
FRASQUITALass ihn los, und auf der Stelle!
gleichzeitig, seinen Fuss dem Corregidor in den Magen pflanzend
ALKALDEDein Entkommen dieses Mal
ALKALDEhindre ich auf alle Fälle!
der sich mit ausgebreiteten Armen vor der Schlafzimmertür aufgestellt hat, gleichzeitig
REPELAEines sag' ich: Es betritt
REPELAlebend keiner diese Schwelle!
CORREGIDORHilfe! Hilf, Alkalde, Schaf!
CORREGIDORSiehst du nicht, dass ich es bin?
entsetzt
ALLEDer Corregidor!
wütend
CORREGIDORIns Gefängnis, an den Galgen!
niederkniend
ALKALDEAch, hoher Herr, verzeiht!
ALKALDEWer hätte euer Gnaden
ALKALDEerkannt in diesem Kleid?
CORREGIDORWeisst du nicht, dass eine Bande
CORREGIDORRäuber unter Tio Lukas
CORREGIDORmeine Kleider mir geraubt?
mit äusserster Heftigkeit auf den Corregidor zutretend
FRASQUITALüge und Verrat!
während der Corregidor weiter mit dem Alkalden spricht
REPELALiebe Müllerin, nun trachte
REPELAdeine Sache beizulegen,
REPELAehe des Gebieters Gunst
REPELAsich von dir und Lukas wendet.
REPELADenn auf seiner Stirne seh ich
REPELAschlimme Wetterzeichen stehn.
FRASQUITAHätte Lukas etwa Grund,
FRASQUITAdiesen Mann um Gunst zu bitten?
FRASQUITAWeiss der Himmel, wo der Ärmste
FRASQUITAjetzt herumirrt, frech vertrieben
FRASQUITAaus dem eignen Haus!
REPELATio Lukas geht zur Stunde,
REPELAals Corregidor verkleidet,
REPELAin der Stadt umher.
FRASQUITAWas mag er verkleidet wollen?
zuckt die Achseln
REPELASicher ist nur, dass er hier
REPELAoffen fand die Eingangstür.
REPELAFand die Kleider meines Herrn -
FRASQUITAJesus! Also hält der Ärmste
FRASQUITAseine Gattin für entehrt?
zum Corregidor
FRASQUITADon Eugenio de Zurtiga!
FRASQUITAFort ging mein unselger Mann,
FRASQUITAglaubend an die Schmach der Gattin,
FRASQUITAging er fort von hier!
kalt
CORREGIDORWünscht, dass ihm nichts Schlimm'res droht!
FRASQUITAEurer Gattin zu berichten,
FRASQUITAwas sich hier ereignet hat,
FRASQUITAging er zürnend in die Stadt.
bestürzt
CORREGIDOREingebildete Geschichten!
CORREGIDORDennoch wollen wir ihm nach,
CORREGIDORdass er mit erfundner Schmach
CORREGIDORmeine Gattin nicht belüge.
REPELAJa, und gebe Gott, dass Lukas
REPELAmit Erzählen sich begnüge!
REPELADie Verkleidung gibt zu denken.
aufbrausend
CORREGIDORGlaubst du, dass er fähig wäre -?
FRASQUITAO, zu allem ist er fähig!
FRASQUITAGeht es doch um seine Ehre!
zum Corregidor
REPELAWas mich auch so sehr erschreckt,
REPELAdass in eures Rockes Schössen
REPELAeures Hauses Schlüssel steckt!
REPELAGlaubt ihr nicht, der Unbedachte
REPELAstrebt nach der Gebieterin -?
auffahrend
CORREGIDORMeiner Frau? Wo denkst du hin?
CORREGIDORIst sie nicht Corregidora?
FRASQUITASeht ihr's - euer Beispiel machte
FRASQUITAaus der Mühle ein Gomorrha.
CORREGIDORJuan Lopez, Tonuelo,
CORREGIDORAuf den Flüchtling geht zu fahnden!
CORREGIDORBringt ihr ihn mir nicht zur Stelle,
CORREGIDORfürchterlich werd' ich es ahnden.
CORREGIDORALKALDE und TONUELO
CORREGIDOREuer Gnaden, untertänigst
CORREGIDORbitten wir, uns zu vertraun.
CORREGIDORUnbegrenzt ist unser Eifer,
CORREGIDORHäuser dürft ihr auf uns baun!
CORREGIDORTreulich sorgend, dass das Auge
CORREGIDORdes Gesetzes immer wacht,
CORREGIDORgönnen wir in unserm Amte
CORREGIDORRuh uns weder Tag noch Nacht.
CORREGIDORUnd wir schwören's! Den Verräter
CORREGIDORholen wir in Eile ein.
CORREGIDORDoch vor allem, euer Gnaden,
CORREGIDORmüssen wir zur Stadt hinein.
gleichzeitig
FRASQUITASolche Pläne, armer Lukas,
FRASQUITAmochte Rachsucht in dir braun!
FRASQUITADeine Wege, deine Pläne,
FRASQUITAsie erfüllen mich mit Graun.
FRASQUITAGegen deines Weibes Treue,
FRASQUITALukas, schöpftest du Verdacht,
FRASQUITAund Vergeltung willst du üben
FRASQUITAin des Nebenbuhlers Tracht?
FRASQUITAAber noch in meinem Herzen
FRASQUITAsag ich "nein", es kann nicht sein!
FRASQUITADoch vor allem ohne Säumen
FRASQUITAmüssen wir zur Stadt hinein.
gleichzeitig
CORREGIDORUber dir soll nun der Himmel
CORREGIDORmeiner Gunst nicht länger blaun;
CORREGIDORfühlen grimmiglich, Frasquita,
CORREGIDORwirst du bald des Löwen Klaun.
CORREGIDORDie du mich verspotten wolltest,
CORREGIDORUbermütige, gib acht!
CORREGIDORWenn ich grolle, wenn ich zürne,
CORREGIDORhab ich zu verderben Macht.
CORREGIDORSteckt nur Lukas erst im Kerker,
CORREGIDORdann, Frasquita, bist du mein!
CORREGIDORDoch vor allem, ich befehl es,
CORREGIDORmüssen wir zur Stadt hinein.
gleichzeitig
REPELATugend hab ich nie bezweifelt,
REPELAschmähe nicht das Herz der Fraun,
REPELAdoch verwechselt ist im Dunkeln
REPELAleicht der Braune mit dem Graun.
REPELAUnd es kann gar wohl geschehen,
REPELAda das Kleid die Leute macht,
REPELAdass sich dieser Schwerenöter
REPELAschliesslich noch ins Fäustchen lacht!
REPELADeshalb möchte ich zur Stunde
REPELAnicht Corregidora sein.
REPELADoch vor allem, das ist sicher,
REPELAmüssen wir zur Stadt hinein.
mit gebieterischer Gebärde
CORREGIDORDoch vor allem, ich befehl' es,
CORREGIDORGehn wir nun zur Stadt hinein!
Alle rüsten sich zum Aufbruch, Ein Knecht führt vor dem offenen Tor zwei Mülleresel herbei, die von Frasquita und dem Corregidor bestiegen werden
SYSTEMVIERTER AKT
Strasse vor dem Hause des Corregidors. Nacht; später Morgengrauen mit allmählich stärkerer Beleuchtung bis zum hellsten Sonnenlicht
vorübergehend, zuerst hinter der Szene
NACHTWÄCHTERAve Maria purissima!
NACHTWÄCHTERHalb fünf ist die Stunde,
NACHTWÄCHTERder Tag ist nah.
NACHTWÄCHTERIhr Knechte und Mägde,
NACHTWÄCHTERder Hahn hat gekräht.
erscheint auf der Bühne
NACHTWÄCHTERBald läutet die Glocke
NACHTWÄCHTERzum Morgengebet.
NACHTWÄCHTERHalb fünf ist die Stunde,
NACHTWÄCHTERder Tag ist nah,
geht ab
NACHTWÄCHTERAve Maria purissima!
ZWEITE SZENEDer Corregidor. Frasquita. Repela, Alkalde, Tonuelo
Der Corregidor und Frasquita kommen auf Müllereseln geritten; nachdem sie abgestiegen sind, führt Tonuelo die Tiere fort
zu Repela
CORREGIDORPoche!
an der Tür rüttelnd
REPELAAlles fest geschlossen!
REPELASchlimm das!
CORREGIDORKlopfe noch einmal!
nachdem er geklopft hat, eine Guitarre nachahmend
REPELABlimblam, blimblam!
REPELAMach auf, mach auf!
REPELADenn soll ich Liebe dir schwören,
REPELAmuss ich im Schlummer dich stören.
REPELAWachsam spähende,
REPELAMädge schmähende
REPELADuenna, mach auf!
REPELABlimblam, blimbiam!
ärgerlich
CORREGIDORLass die Possen, klopfe stärker!
REPELAHerr, ich suche sie zu täuschen.
REPELAWittern sie den Ständchenbringer,
REPELAkommen ja die Frauenzimmer
REPELAalt' und junge, gleich gelaufen.
wieder klopfend
REPELABumbum, bumbum!
REPELAMach auf, mach auf!
REPELAEs wartet der Ständchensänger
REPELAgeduldig im Freien nicht länger.
REPELAImmer grimmige,
REPELAunkenstimmige
REPELADuenna, mach auf!
REPELABumbum, bumbum!
klopft wieder
bei einem Fenster
DUENNAWer ist unten?
CORREGIDORIch! Macht auf!
DUENNAUnd wer seid ihr, ihr da unten?
CORREGIDORMohrenelement! Ich bin's,
CORREGIDORder Corregidor, der Herr!
DUENNAGeht mit Gott! Denn vor einer
DUENNAStunde kam der Herr nach Haus,
DUENNAging auch schon zu Bett.
schlägt das Fenster zu
CORREGIDORAmme, Amme, öffne, sag ich!
CORREGIDORÖffne, ich befehl es dir!
wieder das Fenster öffnend
DUENNAWollt ihr euch nicht packen?
DUENNAIhr mit eurem Rausch!
DUENNAGleich geht eurer Wege,
DUENNAoder es setzt Schläge!
schlägt das Fenster zu
FRASQUITAGott, mein Gott, so ist es Wahrheit!
FRASQUITALukas hat an mir gezweifelt!
gleichzeitig
CORREGIDORIst das Bosheit? Ist das Narrheit?
CORREGIDORWas es sei, es ist verteufelt!
gleichzeitig
REPELADas ist eine schöne Klarheit,
REPELAdie uns da wird eingeträufelt!
DRITTE SZENEDie Vorigen, eine Anzahl Alguacils
mit Stöcken bewaffnet aus dem Tor stürzend
ALGUACILSWo ist er, der Trunkenbold,
ALGUACILSder Corregidor sich nennt? Wo ist er?
ALGUACILSSchlechter Tölpel, frecher Wicht!
Prügelei
ALGUACILSCORREGIDOR und ALKALDE
sich flüchtend un sich verteidigend, gleichzeitig
ALGUACILSHaltet ein, halt ein! Ihr sollt
ALGUACILShängen, Himmelsakrament!
ALGUACILSSchafskopf, kennst du mich denn nicht?
ohne sich einzumischen, gleichzeitig
REPELASagt mir, ob ihr hängen wollt,
REPELAdass ihr euren Herrn nicht kennt?
REPELASeht ihm doch nur ins Gesicht!
abseits, weinend, gleichzeitig
FRASQUITALukas, dass du dies gewollt
FRASQUITAHast für immer uns getrennt,
FRASQUITAwenn dies Weib die Wahrheit spricht.
VIERTE SZENEDie Vorigen, Donna Mercedes
MERCEDESWas soll dieser Lärm bedeuten?
ALGUACILSDie Señora!
CORREGIDORMeine Frau!
zum Corregidor
MERCEDESTio Lukas! Ist ein Unglück
MERCEDESin der Mühle denn gescheh'n,
MERCEDESdass ihr nächtlich hier erscheint?
CORREGIDORHa, Señora, nicht zu scherzen
CORREGIDORbin ich jetzo aufgelegt.
CORREGIDORWissen muss vor allem ich,
CORREGIDORwas aus meiner Ehre ward.
MERCEDESEure Ehre, guter Müller?
MERCEDESGabt ihr sie in meine Hut?
CORREGIDORJa, der Ehre ihrer Gatten
CORREGIDORHüterinnen sind die Frau'n.
mit leisem Hohn
MERCEDESFragt denn eure Frau - dort steht sie.
CORREGIDORLass, Mercedes, deine Scherze.
CORREGIDORSage, wo ist jener Mann?
MERCEDESWer? Mein Gatte? Nun, wo jeder
MERCEDESEhrenmann zu dieser Stunde
MERCEDEShingehört - in seinem Bett.
heftig
CORREGIDORSag das nicht ein zweites Mal!
den Corregidor spöttisch und herausfordernd messend
MERCEDESMein Gatte, der Corregidor,
MERCEDESdie Händel der Bürger zu schlichten,
MERCEDESwar über Tags aus dem Haus,
MERCEDESerfüllend erhabene Pflichten.
MERCEDESDoch kam er zu schicklicher Zeit
MERCEDESzurück, sich niederzulegen.
MERCEDESEr kam mit Mantel und Hut,
MERCEDESEr trug an der Seite den Degen.
MERCEDESDie Diener geleiteten ihn,
MERCEDESdie lang ihn erwartet hatten.
MERCEDESUnd ich - wie Gott es befiehlt,
MERCEDESempfing als Gattin den Gatten.
ausbrechend
CORREGIDORUnverschämte Dirne!
den Ton ändernd
Aber, setzen wir den Fall, ihr wäret
MERCEDESDon Eugenio de Zuniga -
CORREGIDORWeib, ich bin es!
MERCEDESWelche Rechte
MERCEDEShättet ihr, euch zu beklagen?
MERCEDESWart ihr etwa in der Beichte?
MERCEDESWart ihr etwa in der Predigt?
MERCEDESWo seid ihr bis jetzt gewesen?
MERCEDESWo in dieser Tracht?
MERCEDESWo die ganze Nacht?
hervortretend
FRASQUITAMit Verlaub -
Die beiden Frauen sehen einander schweigend einen Augenblick in die Augen
MERCEDESAch, Frasquita!
MERCEDESNicht verteidigt euch vor mir!
MERCEDESAlles, was euch widerfahren,
MERCEDESfühle ich so tief wie ihr.
FRASQUITAAch, Señora!
MERCEDESTreubruch schändlich
MERCEDESschafft uns beiden gleiches Leid.
MERCEDESAber tröstet euch, Frasquita,
MERCEDESTrost ist schon für euch bereit.
gleichzeitig
FRASQUITATrostlos bin ich, ach, ich werde
FRASQUITAtrostlos bleiben alle Zeit!
FRASQUITADass ich liebte, dass ich lachte,
FRASQUITAist nur mehr Vergangenheit.
gleichzeitig
CORREGIDORDich und mich und sie und jenen
CORREGIDORhast dem Unglück du geweiht.
CORREGIDORDu, Frasquita, hast's verschuldet,
CORREGIDORdu allein aus Sprödigkeit.
MERCEDESHa, Señor, in unsre Klagen
MERCEDESeinzustimmen, ziemt euch schlecht.
MERCEDESJener nur, der dort sich nähert,
MERCEDEShält' allein dazu ein Recht.
FÜNFTE SZENEDie Vorigen, Lukas
noch in den Kleidern des Corregidors, den Gang und die Manieren desselben nachahmend
LUKASWünsche allen guten Morgen!
küsst der Corregidora die Hand
CORREGIDORWagst du es vor meinen Augen?
den Corregidor zurückdringend
FRASQUITAAus dem Weg mir, Don Eugenio,
FRASQUITARede stehen soll er mir!
noch immer den Corregidor nachahmend
LUKASGott behüte dich, Frasquita!
LUKASSage, hast du die Ernennung
LUKASdeinem Neffen schon geschickt?
FRASQUITALukas! Ich verachte dich!
mit unverstellter Stimme
LUKASWelche Miene, welche Töne!
LUKASO, so wärst du noch die Meine?
wild
FRASQUITANein, nicht mehr bin ich die Deine!
FRASQUITAFrage deine Heldentaten
FRASQUITAdieser Nacht, und dann erkenne,
FRASQUITAwas du aus dem Herzen machtest,
FRASQUITAdas dich, ach, so sehr geliebt.
gleichfalls ergrimmt
LUKASWie? Du klagst mich an? Du mich?
LUKASFrage deine Heldentaten
LUKASdieser Nacht, und dann erkenne,
LUKASwas du aus dem Herzen machtest,
LUKASdas du, ach, so sehr betrübt.
MERCEDESTio Lukas, trotz der Dinge,
MERCEDESdie ihr mir als wahr erzähltet,
MERCEDESsag ich, eure Frau ist schuldlos!
MERCEDESGlaube fest, dass sie es ist.
LUKASHerrin, gut, so mag sie sprechen.
FRASQUITANein, ich spreche nicht zuerst!
FRASQUITADenn die Wahrheit ist, dass du -
LUKASNun, und du?
CORREGIDORUm diese Dame
CORREGIDORhandelt sich's zuerst. Mercedes,
CORREGIDORnie hätt ich geglaubt, dass du -
MERCEDESNun, und du -?
zu Lukas
FRASQUITAUnd du?
zu Frasquita
LUKASUnd du?
CORREGIDORNun, und du? Hast nicht auch du -?
zum Corregidor
MERCEDESAber du -?
zu Lukas
FRASQUITANein, du!
zu Frasquita
LUKASNein, du'
CORREGIDORSage mir, wie konntest du -
MERCEDESHör einmal, jetzt schweige du'
MERCEDESFrieden müssen wir dem Herzen
MERCEDESdes gekränkten Tio Lukas
MERCEDESohne Säumen wiedergeben.
MERCEDESNun, Señor Alkalde, sprecht!
MERCEDESIch erteile euch das Wort.
drückt durch wiederholte tiefe Bücklinge seine Ergebenheit aus
ALKALDEHerrin! Glücklich bin ich zu schätzen,
ALKALDEdass ihr geruhet, Vertrauen zu setzen
ALKALDEin euren ganz ergebenen Knecht!
ALKALDEWenn ihr es fordert, will ich's beschwören!
ALKALDEWas auch geschehen, in allen Ehren
ALKALDEnur geschah 's, in Gesittung und Recht!
LUKASNicht begehr ich eure Schwüre, Herr Alkalde!
LUKASWas ich fordre, Herr Alkalde, sind Beweise!
hervortretend
REPELALieber Müller, ich fürchte,
REPELAdu wandelst im falschen Geleis.
REPELASelig nur macht der Glaube,
REPELASelig nicht macht der Beweis.
LUKASNein, fürwahr, den meine Augen
LUKASmir gegeben, der Beweis
LUKAShat mich selig nicht gemacht.
LUKASOder war es kein Beweis,
LUKASAls ich deinen Herrn im Bette
LUKASmeines Weibes liegen sah?
REPELALieber Müller, dort lag er,
REPELAaber er lag dort allein!
REPELASie indessen, geflüchtet,
REPELAlief nach dir querfeldein.
FRASQUITABöser Lukas, dort lag er,
FRASQUITAaber er lag dort allein!
FRASQUITAIch indessen, geflüchtet,
FRASQUITAlief nach dir querfeldein.
CORREGIDORDummer Müller, dort lag ich,
CORREGIDORaber ich lag dort allein!
CORREGIDORSie indessen, geflüchtet,
CORREGIDORlief nach dir querfeldein.
FRASQUITAJa, und fühle nur die Kleider,
FRASQUITAdie du trägst, wie feucht sie sind.
FRASQUITAIn den Mühlbach, hilfeschreiend,
FRASQUITAfiel der Herr Corregidor.
FRASQUITASeine Stimme nicht erkennend
FRASQUITAhab im ersten Schrecken ich -
LUKASSage mir nichts mehr, du Süsse!
FRASQUITAAls ich dann die Flucht ergriff,
FRASQUITAsandte er mir nach Repela.
REPELAUnd von diesem begleitet,
REPELAkam sie bis an das Haus
REPELAdes Alkalden; der stürzte
REPELAeben zum Tore hinaus.
ALKALDEJa, der Schlaf des Gerechten
ALKALDEward mir erheblich gestört,
ALKALDEals ich durch meine Getreuen
ALKALDEvon dem Ereignis gehört.
REPELAWir erfuhren mit Bangen,
REPELAdass uns der Müller entfloh'n.
REPELAUnd so stürmten wir eilends
REPELAalle zusammen davon.
FRASQUITADenn ich stellte mit Schaudern
FRASQUITAmir die Möglichkeit vor,
FRASQUITAdass du in unserm Hause
FRASQUITAfandest den Corregidor!
LUKASAlso bist du unschuldig?
LUKASAlso bist du noch mein?
LUKASO, so lass uns denn selig
LUKASalles Geschehne verzeihnl
REPELABist du noch eifersüchtig,
REPELALukas, so sei es auf mich.
REPELADenn von Frasquita am meisten
REPELAdiese Nacht genoss ich!
sich der Umarmung des Lukas entziehend
FRASQUITAGeh mir! Eh ich dich umarme,
FRASQUITAwill ich wissen, was geschah.
MERCEDESDas sollst du durch mich erfahren.
eilig
CORREGIDORJa, Senora, denn ich warte
CORREGIDORdarauf schon seit einer Stunde.
CORREGIDORWirst du endlich dich erklären?
MERCEDESEher nicht, bist du die Kleider
MERCEDESwieder hast mit ihm getauscht.
Corregidor und Lukas gehen ins Haus. Repela folgt ihnen
sich an das anwesende Gesinde und die Alguacils wendend
MERCEDESKinder, nun erzählt, was
MERCEDESSchlechtes ihr von eurer Herrin wisst.
Gesinde und Alguacils
CHORMit dem Schlüssel des Gebieters
CHORTio Lukas trat ins Haus.
CHORTio Lukas, finster blickend,
CHORsah wie der Gebieter aus.
CHORUnd wie dieser pflegt zu schreiten,
CHORschritt er in das Schlafgemach,
CHORweil die Herrin schon zu Bette,
CHORfolgte ihm kein Diener nach.
FRASQUITAIch verstehe keine Silbe,
FRASQUITAalle schreien sie zugleich.
MERCEDESEiner mag das Wort ergreifen.
MERCEDESAmme, ich erteil es euch!
DUENNAAbzuwarten den Gebieter,
DUENNARosenkranz hatt' ich gebetet
DUENNAmit der Herrin im Verein,
DUENNAals wir drinnen Schritte hörten.
MERCEDESBehutsam schleichende Schritte,
MERCEDESgedämpft und heimlich, als glitte
MERCEDESleise ein Räuber herein.
MERCEDESWir lauschten mit Beben, wir Armen!
MERCEDESO, heilige Jungfrau von Carmen!
MERCEDESWer mag im Alkoven sein?
DUENNAUnd als wir das Licht ergriffen,
DUENNAsahen wir den Tio Lukas,
DUENNAangetan wie unser Herr.
CHORPlötzlich in dem Schlafgemache
CHORtönte lautes Hilfgeschrei.
CHOR"Räuber", hörten wir es schallen,
CHOR,, Bartolo, herbei!"
CHORAn der Wand des Schlafgemaches
CHORstand der Herr Corregidor,
CHORzitternd, blass wie eine Leiche,
CHORbrachte gar kein Wort hervor.
DUENNA'Ins Gefängnis!", schrien wir,
DUENNAweidlich auf den Lukas hauend;
DUENNAdenn wir glaubten den Gebieter
DUENNAtot und ausgeraubt, bis
DUENNALukas zu der Herrin also sprach:
DUENNA"Herrin! Räuber bin ich nicht!
DUENNADoch ein Räuber meiner Ehre
DUENNAist mir in das Haus gedrungen,
DUENNAliegt mit meiner Frau zu Bett."
CHORJa, wir hieben, bis die Herrin
CHOReinzuhalten uns befahl;
CHORdenn sie ehrte, wollt' es scheinen,
CHORin den Kleidern den Gemahl.
CHORAber hätte sich die Herrin
CHORso wie wir in ihm geirrt,
CHORbei dem Heiligen von Comportella!
CHORSagt, sagt, was wäre da passiert!
DUENNASchweigt, ihr unanständigen Schwätzer!
DUENNAJa, Frasquita, er bekannte,
DUENNAwelcher Zweck ihn hergeführt.
DUENNADenkt euch, hätte sich die Herrin
DUENNAin der Dunkelheit geirrt, und vielleicht -
MERCEDESAuf diesem Wege spart euch weitere Belege.
MERCEDESWas geht ein "vielleicht" uns an?
MERCEDESUnd als sich mein Arger gekühlet,
MERCEDEShab ich Erbarmen gofühlet
MERCEDESmit dem betrogenen Mann,
MERCEDESund habe befohlen, wenn später
MERCEDESerschiene der Missetäter,
MERCEDESgekleidet als Müller allhier,
MERCEDESso wird er Betrüger gescholten
MERCEDESund Gleiches mit Gleichem vergolten,
MERCEDESzur Strafe, glaub er's, von mir.
CHORUnd wir haben, ihr gehorchend,
CHORdurchgebläut den eignen Herrn!
CHORSie verbürgte sich für unsre Köpfe,
CHORund so bläuten und so bläuten,
CHORund so bläuten wir ihn gern!
FRASQUITALukas, armer, süsser Lukas,
FRASQUITAneu gewonnen hab ich dich!
LUKASSüsse, teure Frasquita,
LUKASbist du wieder gut mit mir?
den Stock auf den Boden stossend
CORREGIDORNun, Señora, ich erwarte
CORREGIDOReure Erklärungen!
MERCEDESLebtest du auch tausend Jahre,
MERCEDESdennoch wirst du nie erfahren,
MERCEDESwas in meinem Schlafgemache
MERCEDESvorgegangen heute nacht!
MERCEDESWärest du darin gewesen,
MERCEDESbrauchtest jetzt zu fragen nicht!
gereizt
CORREGIDORAngehört will ich sie also
CORREGIDORalle richten, kraft des Amtes!
gebieterisch
MERCEDESUnd ich rate euch, Caballero,
MERCEDESbreitet über das Gescheh'ne
MERCEDESlieber einen Schleier dicht!
MERCEDESDenn ihr kämet in die Enge,
MERCEDESwenn zum Bischof der Bericht
MERCEDESeures Abenteuers dränge.
MERCEDESGuten Morgen, liebe Leute!
Sie verneigt sich mit Grandezza, schreitet die Stufen vor dem Haustor hinauf und verneigt sich unter der Tür nochmals
Inzwischen ist es allmählich Tag geworden
ihr mit saurer Miene nachblickend und sich hinter den Ohren kratzend
CORREGIDORGuten Morgen, edle Donna!
CORREGIDORDa wir uns soweit verständigt,
CORREGIDORhoff ich, dass dies Abenteuer
CORREGIDORohne Bischof für mich endigt!
CORREGIDORLUKAS und FRASQUITA
die indessen lebhaft miteinander gesprochen und gelacht haben
CORREGIDORGuten Morgen, edle Donna!
CORREGIDORDa wir beide uns verständigt,
CORREGIDORscheint es, dass dies Abenteuer
CORREGIDORglücklich hat für uns geendigt!
ALKALDEGuten Morgen, edle Donna!
ALKALDEAlle haben sich verständigt,
ALKALDEund so hat dies Abenteuer
ALKALDEauch für mich noch gut geendigt!
CHORGuten Morgen, edle Donna!
CHORAlle haben sich verständigt,
CHORund so hat dies Abenteuer
CHORnoch für alle gut geendigt!