O süsse Mutter, ich kann nicht spinnen

Ignaz Brüll

O süße Mutter,

Ich kann nicht spinnen,

Ich kann nicht sitzen

Im Stüblein innen,

Im engen Haus;

Es stockt das Rädchen,

Es reißt das Fädchen,

O süße Mutter,

Ich muß hinaus.

Der Frühling gucket

Hell durch die Scheiben,

Wer kann nun sitzen,

Wer kann nun bleiben

Und fleißig sein?

O laß mich gehen,

O laß mich sehen,

Ob ich kann fliegen

Wie Vögelein.

O laß mich sehen,

O laß mich lauschen,

Wo Lüftlein wehen,

Wo Bächlein rauschen,

Wo Blümlein blühn.

Laß mich sie pflücken

Und schön mir schmücken

Die braunen Locken

Mit buntem Grün.

Und kommen Knaben

Im wilden Haufen,

So will ich traben,

So will ich laufen,

Nicht stille stehn;

Will hinter Hecken

Mich hier verstecken,

Bis sie mit Lärmen

Vorüber gehn.

Bringt aber Blumen

Ein frommer Knabe,

Die ich zum Kranze

Just nötig habe,

Was soll ich tun?

Darf ich wohl nickend,

Ihm freundlich blickend,

O süße Mutter,

Zur Seit' ihm ruhn?