Nachtigall, o Nachtigall
Ingeborg Bronsart von Schellendorf
Nachtigall, o Nachtigall!
Sangeshelle Nachtigall!
Sag', wohin, wohin dich schwingst,
Wo die ganze Nacht du singst?
Welche Arme mag, gleich mir,
Trostbedürftig lauschen dir,
Die zur Nacht das Aug' nicht schließt,
Weil's von Tränen überfließt!
Flieg, durchfliege Nachtigall,
Rings die weiten Lande all --
Fliege über's blaue Meer,
Lug' auf fremdem Strand umher,
Sieh in Stadt und Lande zu,
Nirgend, nirgend findest du
Eine Maid in Dorf und Stadt,
Die, wie ich, zu leiden hat.
Auf der Brust mir armem Ding
Eine Schnur von Perlen hing;
Ach, ich trug auch, armes Ding,
Auf dem Finger einen Ring,
Und im Herzen treu und mild
Trug ich meines Liebsten Bild!
Doch im Herbst verloren ganz
Meine Perlen ihren Glanz --
Und in Wintersnacht mein Ring
An der Hand in Stücke ging.
Jetzt im Frühling wein' ich sehr:
Habe keinen Liebsten mehr!