Wohin, o Seele, wirst du eilen?

Isaac Nathan

Wohin, o Seele, wirst du eilen?

Wenn nun der Leib sinkt in das Grab?

Du kannst nicht sterben, kannst nicht weilen

der dunkle Staub fällt von di ab.

Wirst du dann körperlos dich heben,

von Stern zu Sternen, stufenweis'?

wirst du im ew'gen Raume schweben,

ein sehend Aug', das alles weiß?

Entfesselt, ewig, nie veraltet,

erblickt sie, selber unsichtbar,

was in der Schöpfung sich entfaltet,

was nun besteht, und was einst war;

was auch schon längst verflossnen Jahren

verdunkelt unserm Geist entflieht,

kann sie mit einem Blick gewahren,

der, was geschah, auf einmal sieht.

Eh noch der Schöpfung Werk begonnen,

dringt bis zum Chaos sie zurück,

und zu noch ungebornen sonnen

erhebt sie ihren Seherblick.

Es schaut ihr Auge, was wird werden,

was schwinden in zukünft'ger Zeit;

es löschen Sonnen, brechen Erden,

sie ruht in eigner Ewigkeit.

Frei ist sie, rein; denn überwunden

Hat Furcht sie, Liebe, Hoffnung, Hass.

Und tausend Jahr, die schon entschwunden,

sie hatten Eines Tages Maß.

Auch unbeschwingt fliehn die Gedanken

Durchs All, wohin es will der Geist,

der namenlos und sonder Schranken

schon längst vergaß, was Sterben heißt.