Lebensgenuß
J. Amon
Pflücket, Brüder, pflückt das Veilchen,
Weil uns Thal und Frühling blühn;
Küßt, eh noch der Mädchen Mäulchen
Sich in welke Falten ziehn.
Küßt, wenn Phöbus Strahlen blinken,
Durch das thaubeperlte Grün
Küßt, wenn volle Becher winken
Eure schöne Nachbarin.
Heute, Brüder, blüht die Blume,
Uns noch auf der Frühlingsflur;
Heut stehn wir im Heiligthume
Der uns lächelnden Natur.
Darum pflückt die Aufgeblühte,
Schmückt mit ihrer Farbe Glanz
Junger Mädchen Halmenhüte
Und begleitet sie zum Tanz.
Denn bald kann der Tod uns winken!
Heute glänzt im Sonnenstrahl
Uns der Becher! Morgen blinken
Flitterkranz im Schlummerthal.
Lobt in frohen Frühlingsliedern,
Lobt den Vater der Natur;
Freuet euch mit frohen Brüdern,
Denn wir leben einmal nur!
Kränzt mit Rosen euch und Nelken
Pflückt die schönsten Blumen ab!
Blüthen keimen, Blüthen welken;
Alles, alles deckt das Grab!