Lebensgenuss

J. Amon

Brüder, nur freudigem Vollgenuss,

mutig dies Leben geweiht;

rasch, wie ein feuriger Mädchenkuss

stirbt die geflügelte Zeit.

Rosen auf jeglichen Pfad gestreut,

Sorgen und Grillen verbannt,

eh' uns im Wirbel der Folgezeit

Tod und Verwesung umspannt.

Knaben beflügeln den Federball

heute noch jauchzend im Hain;

morgen verscharrt man beim Glockenschall

weinend ihr morsches Gebein.

Mädchen mit lächelndem Angesicht,

kosend in bräutlicher Nacht,

werden im dämmernden Abendlicht

jammernd zur Grube gebracht.

Heute winkt Hesper im Flimmerschein,

Brüder, so freundlich und mild;

morgen beglänzt er den Leichenstein,

der uns im Tale verhüllt.

Rosen blüh'n lächelnd im Abendglanz

heute voll lieblichem Duft;

morgen verweh'n sie als Totenkranz

flütternd auf unserer Gruft.

Brüder, im Schoße der Rosengruft

blüht uns kein ländlicher Hain,

weht nicht die Schwinge der Abendluft,

winkt uns kein duftender Wein.

Schlummernd im flitternden Totenkranz

rührt uns nicht Freude das Herz,

tönt uns kein bräutlicher Wirbeltanz,

lockt uns kein freundlicher Scherz.

Heute noch blüht uns im Morgenhain

freundlich die milde Natur,

heute noch flötet das Vögelein,

heute noch duftet die Flur.

Heute noch schwindet bei Spiel und Kuss

fühlend die Schwinge der Zeit;

Brüder, nur freudigem Vollgenuss

mutig dies Leben geweiht!