Der Frühlingsabend

J. André

Es naht in stiller Feier

Der holde Abend sich

Ein bläulich - düstrer Schleier

Umfließt ihn schauerlich;

An seiner Stirne glänzet

Der helle Abendstern,

Und seine Schläfe kränzet

Die Majestät des Herrn.

Ein leichter West durchbebet

Den blüthenreichen Baum,

Und sanfte Kühlung schwebet

Im dufterfullten Raum;

Es klagt mit bangem Sehnen

Im nahen Wiesenthal,

In liebevollen Tönen

Einsam die Nachtigall.

Und stille Schatten schweben

Schon aus dem jungen Hain

So schauerlich, und weben

Die Flur in Dunkel ein.

Es naht mit leisen Schritten

Der Nacht geliebter Sohn,

Die Erde zu beschütten

Mit seinem süßen Mohn.

So schlummert denn, ihr Müden,

In safter süßer Rast,

Umwebt von stillem Frieden,

Nach harter Tageslast!

Und steigt die Morgensonne

Empor aus blauer Fluth,

Dann lach' euch neue Wonne

So schön wie ihre Gluth!

Welch heiliges Erbeben

Durchschauert meine Brust,

Den trunknen Geist zu heben

Zu nie gefühlter Lust!

Wiegt einst des Lebens Abend

Mich sanft in Schlummer ein;

Wie wonnevoll und labend

Wird das Erwachen sein!