Die weinenden Blumen

J. Anthes

Im Morgengolde glühten

der Bäume Laub und Blüten

und jedes Wölkleins Rand;

die Mutter ging zum Garten,

der Blumen da zu warten,

ihr Malchen an der Hand.

„Sieh'“, rief das zarte Mädchen,

„auf allen Blumenblättchen

die Tröpflein hell und klar!

Sag', liebe Mutter, weinen

vielleicht die holden, kleinen,

geliebten Blümchen gar?“

Die Mutter sprach: „O Mädchen,

Sooft noch jedes Blättchen

voll solcher Tropfen lag,

so brachten diese Tränen

noch immer einen schönen

und heiter'n Frühlingstag.

Wird einst dein Herzchen bange,

betauen deine Wange

auch solche Tröpflein, Kind!

Dann denk' in Schmerz und Leiden,

dass Tränen naher Freuden

getreue Boten sind!“