Rosen und Vergissmeinnicht
J. Anthes
An dem Silberquellchen,
das durch grünes Moos
seine munter'n Wellchen
hell und klar ergoss,
von der Erle Blättchen
leicht beschattet ruht'
einst ein Hirtenmädchen,
schuldlos, sanft und gut.
Wie im Paradiese
froh und hochbeglückt,
hatte auf der Wiese
Blumen sie gepflückt;
unter Blumenträumen
schlummerte sie ein,
und auf allen Bäumen
sangen Vögelein.
Träumend sah voll Freude
sie, gar hold und schön
im schneeweißen Kleide
einen Engel steh'n.
Seine Locken kränzen
Rosen, hell wie Licht,
in der Rechten glänzen
ihm Vergissmeinnicht.
„Ich, der Unschuld Engel“,
sprach er, „dir gesandt,
biet' durchs Tal der Mängel
traulich dir die Hand.
Soll ich nun auf deine
Wege Rosen streu'n,
so, du gute Kleine,
so vergiss nicht mein!“