Alpenunschuld
J. Böie
Von der Alpe ragt ein Haus
Schlicht und arm in's Thal hinaus,
D'rinnen haust mit munter'm Sinn
Eine junge Sennerin.
Sennerin ist frisch und roth,
Weiß von Kummer nichts und Noth,
Hat ein Herz von Liebe heiß,
Wie ich mir kein Zweites weiß.
Sennerin singt manch ein Lied,
Wenn um's Thal der Nebel zieht,
Horch dann schallt's durch Duft und Wind:
"Auf da Oalm da gibt's kan Sünd!"
Als ich einst auf schroffem Pfad
Jenem Paradies genaht,
Trat sie flink zu mir heraus,
Bot zur Herberg mir ihr Haus.
Frug nicht lang' was ich hanthier',
Setzte traulich sich zu mir,
Sang so lieblich dann und lind:
"Auf da Oalm da gibt's kan Sünd!"
Als ich d'rauf am Morgen schied,
Hört' ich ferne noch dieß Lied,
Und zugleich mit Schmerz und Lust
Trug mit mir ich's unbewußt.
Und wo ich seitdem auch bin
Schwebt vor mir die Sennerin,
Und es ruft: Kehr' um geschwind,
"Auf da Oalm nur gibt's kan Sünd!"