Schön Anni

J. Böie

Es sprach der reiche Bauer:

"Du bist mein einzig Kind,

Du kannst zu Manne nehmen,

Wer je dein Herz gewinnt.

Doch nur den Hirtenknaben,

Den schlag' dir aus dem Sinn!

Der kann dein nimmer werden,

So lang ich leb' und bin.

Das Mädchen schwieg und weinte,

Sie seufzte still für sich:

"Du hast mein Herz gewonnen,

Und ewig lieb' ich dich.

Es trieb der Hirtenknabe

Beim Klang der Schalmei

An einem Frühlingsmorgen

Bei Anni's Haus vorbei.

Und Anni kam gegangen

Entgegen ihm von fern,

Verschämt wie bei dem Sonnen-

Aufgang der Morgenstern.

"So sei mir Gott willkommen,

Du liebe Seele du!

Ich muß im Thale bleiben,

Du ziehst der Alpe zu.

Ich muß -- o laß mich schweigen!

Zu groß ist dieser Schmerz.

So mag dich Gott geleiten,

Leb' wohl, du treues Herz!"

Sie reichten sich die Hände,

Umarmten, küßten sich,

Sie sahn sich an und weinten

Und weinten bitterlich.

Und eine Rosenknospe

Nahm er von seinem Hut:

"Leb' wohl, leb wohl, lieb Anni!

Leb wohl und bleib mir gut!

Und ist die Ros' erblühet,

Lieb Anni, denk an mich!

Leb wohl, leb wohl auf ewig,

Denn ewig lieb' ich dich!

Es trieb der Hirtenknabe

Der hohen Alpe zu;

Sie aber blieb im Thale

Und fand nicht Rast noch Ruh.

Groß war ihr Leid, und größer

Ward es von Tag zu Tag:

Sie wurde krank und kränker,

Bis sie darnieder lag.

Und eines Tages frühe,

Wohl um das Morgenroth,

Da war die Ros' erblühet,

Schön Anni aber tot.